Das war meine Rettung: "20 Zentimeter weiter, dann wäre die Kacke am Dampfen gewesen"

Nico Rosberg hat einen eisernen Willen. Das half ihm, nachdem bei 250 km/h seine Bremse versagte. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 26/2016

ZEITmagazin: Herr Rosberg, Sie standen in der Formel 1 schon oft auf dem Siegerpodest. Erinnern Sie sich noch ans erste Mal?

Nico Rosberg: Das war 2008 in Australien, ein Meilenstein meiner Karriere. Ich habe schon als Kind Formel 1 geguckt, mit Schumacher und Häkkinen, aber das war weit weg. Selber da oben zu stehen war dann pure Euphorie. Ich bin Dritter in dem Rennen geworden, es war ein tolles Gefühl.

ZEITmagazin: 2010 sind Sie zu Mercedes gewechselt, Michael Schumacher wurde Teamkollege und Rivale zugleich. Was haben Sie von ihm gelernt?

Rosberg: Michael hat Leidenschaft, Disziplin, Kampfgeist, Respekt, alles, was man braucht, und dann hat er auch sehr, sehr viel richtig gemacht. Es ist völlig klar, warum er siebenfacher Weltmeister ist. In unserem Sport spielt die Psyche eine wichtige Rolle, und viele versuchen da Nadelstiche zu setzen. Michael hat zum Beispiel sein Auto am Renntag so geparkt, dass mein Wagen daneben keinen Platz mehr hatte. Ich habe mich tierisch geärgert und mein Auto quer hinter seins gestellt, sodass er nicht mehr rauskam. Da ging echt Energie dabei drauf – bei mir vor dem Rennen, bei ihm kam der Ärger dann danach.

ZEITmagazin: Wie ist das mit Ihrem Teamkollegen Lewis Hamilton? Muss man auf der Strecke manchmal ein Drecksack sein?

Rosberg: Ohne Kampfgeist und Biss hätte ich nicht so viele Rennen gewonnen und wäre nicht Zweiter in der Weltmeisterschaft geworden, da gibt’s nur einen, der besser war. Lewis ist die Messlatte, mein Ansporn. Die Hand-Auge-Koordination ist beim schnellen Autofahren sehr wichtig. Das kann man kaum üben, deshalb mache ich Liegestütze und spiele gleichzeitig Memory. In den Duellen mit Lewis habe ich zweimal den Kürzeren gezogen. Aber so etwas ist eine hohe Kunst, du tanzt am Limit. Er hat das sehr weit getrieben, als er mir einmal in die Reifen gefahren ist. 20 Zentimeter weiter, dann wäre die Kacke am Dampfen gewesen. Privat strebe ich aber an, ein besserer Mensch zu sein und für das Wohlempfinden der Menschen um mich herum zu sorgen. Ich möchte Erfolg, aber ich will den Respekt nicht verlieren und dafür keine Grenzen überschreiten. Man muss die Grauzone geschickt ausnutzen. Und da kann ich mich natürlich immer verbessern.

ZEITmagazin: Sie sind Einzelkind und Sohn des Formel-1-Weltmeisters Keke Rosberg. Wären Sie lieber in einer Großfamilie aufgewachsen?

Rosberg: Auf jeden Fall. Alle meine Freunde sind Italiener, und da sehe ich immer die nonna und überall Cousins. Als Opa möchte ich auch mal so eine Riesenversammlung um mich herum haben. Meine Mutter hat mir beigebracht, Familie zu schätzen. Das ist für mich die wichtigste Konstante in meinem Leben. Mit meiner Frau bin ich bald 13 Jahre zusammen. Wir kennen uns, seitdem ich drei bin, verliebt habe ich mich mit zehn, und mit 18 Jahren sind wir richtig zusammengekommen. Sie hat mir gezeigt, dass man geben kann, ohne etwas zurückzuerwarten. Damit habe ich mich früher schwergetan.

ZEITmagazin: Am Steuer müssen Sie aggressiv sein. Hat Ihre Frau Angst um Sie?

Rosberg: Ja klar. Und das ist auch normal. Meine Frau schaut die meisten Rennen im Fernsehen, meine Mutter guckt gar nicht und saugt währenddessen die Wohnung. Furcht oder Respekt vor einer Situation ist ein wichtiger Selbstschutz, besonders in so einem gefährlichen Sport. Stellen Sie sich vor: Ich bin auf der Zielgeraden unterwegs, vor mir ist eine Mauer, ich bremse, aber da ist keine Bremse, das Pedal fällt durch, ich rase mit 250 km/h in einen Reifenstapel, und dann gehen die Lichter aus. Ist mir wirklich passiert, in Zandvoort, 2005. Solche Situationen gibt’s immer wieder im Rennsport. Das ging alles sehr schnell, ich bin danach wieder ins Auto rein und zwei Runden gefahren, da war alles vergessen. Gerettet haben mich der Wille weiterzumachen, Kampfgeist und Disziplin.

ZEITmagazin: Sie haben seit Kurzem ein Kind.

Rosberg: Es gibt die Legende, dass Rennfahrer mit jedem Kind eine halbe Sekunde pro Runde verlieren. Aber mein Vater zum Beispiel ist einen Monat nach meiner Geburt Rundenrekord gefahren. Und bei mir hat sich nichts verändert auf der Rennstrecke – privat schon, ich erlebe ganz besondere Momente mit meiner Tochter. Aber wenn ich im Auto sitze, denke ich nicht an meine Familie. Da ist absolute Präsenz gefordert.

ZEITmagazin: Und wann kommt der Gedanke an die Familie zurück?

Rosberg: Kurz vor der Zieldurchfahrt, wenn ich weiß, dass alles in trockenen Tüchern ist.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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2 Kommentare Kommentieren

Sympathischer Mensch - soweit man das als Außenstehender eben beurteilen kann - immer freundlich in seinem Auftreten.
Das zeigt sich auch hier in diesem Interview.
Ich wünsche ihm für diese Saison den Titelgewinn.