Gesellschaftskritik: Über würdevolle Abschiede

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 26/2016

Die Urteile, die Deutschlands Fernsehkritiker über das Comeback von Thomas Gottschalk gefällt haben, bewegen sich auf einer Bandbreite von verletzend über vernichtend bis mitleidig. Mensch Gottschalk – Das bewegt Deutschland, eine Dauer-Plaudersendung, in der von der veganen Wurst bis zum Trumpschen Großcousin jeder zu seinem Recht auf Belanglosigkeit kommt, hat die Profi-Gucker so entsetzt, dass am Ende Mitleid aus den Tasten quoll. Wie erniedrigend. Den traurigsten und zugleich treffendsten Satz hat die Kollegin von ZEIT ONLINE formuliert: "Es ist nicht schön, Dinosauriern beim Sterben zuzusehen."

Nun könnte man einwenden, Fernsehkritiker seien Berufszyniker mit ausgeprägtem Elitebewusstsein, die alles kleinhäckseln, was beim Publikum groß ankommt. Trifft in diesem Fall aber nicht zu. Gottschalk verlor an seinem Premierenabend nicht nur haushoch gegen den Tatort, was einem Quotenkönig schon auf die Krone gehen kann, sondern auch gegen Planet der Affen, Navy CIS und Grill den Henssler, die Deutschland mehr bewegten – Mensch, Thommy! Kritiker-Verriss und Quoten-Desaster lagen so eng beieinander, dass der Tipp des einstigen RTL-Machers Helmut Thoma kaum dazwischenpasste: "Gottschalk muss in einer überraschenden neuen Form erscheinen oder es ganz lassen."

Seitdem Joachim Gauck ankündigte, für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident nicht zur Verfügung zu stehen, erfährt ein Verb eine Neudefinition, das die deutsche Sprache erst in der Wende-Zeit als Neologismus bereicherte: gaucken.

Als Gauck noch im Rang eines "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" deutsche Vergangenheit bewältigte, galten Leute, die einer Stasi-Mitarbeit überführt worden waren, als "gegauckt". Heute gauckt, wer einen Abgang in Würde hinbekommt – also das, was Gottschalk verpasst hat.

Gottschalk konnte nicht gaucken, weil es ihm über Jahrzehnte gelungen ist, der große Junge zu bleiben, als der er vor über 40 Jahren die Wohnzimmer der Republik eroberte. Nicht er alterte, sondern das Konzept seiner Erfolgssendung Wetten, dass..?. Dass aber selbst Thomas Gottschalk allenfalls nur ein Dorian Gray sein kann und Berufsjugendlichkeit nicht ewig dauert, wollte er so lange nicht einsehen, bis es zu spät und er zu alt war. Seinen Abschied hat Gottschalk, 66, jedenfalls gründlich vergauckt.

Kommentare

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Manchmal denke ich daß Künstler,Entertainer etc...einfach Geld benötigen um all das am Laufen zu halten was sie sich während ihrer goldenen,erfolgreichen Zeit geschaffen haben. Im Grunde genommen ist es ihnen dann egal ob ein Format floppt oder nicht. Hauptsache die Kasse stimmt und der gewohnte Lebensstil kann aufrecht erhalten werden.

Ariovistus52

#1.1  —  20. Juni 2016, 10:18 Uhr

"Hauptsache die Kasse stimmt und der gewohnte Lebensstil kann aufrecht erhalten werden."
Nixht nur das ! Man will ja weiterhin auf Events eingeladen und zur Tagespolitik gefragt werden.Spätestens wenn die Werbung sich von einem abwendet, sollte man sich aber auf sein Altenteil zurückziehen.

Ich fand die Sendung gut, und ich fand vor allem Thomas Gottschalk gut. Gottschalk macht ehrliche Unterhaltung, bei der niemand gedemütigt oder vorgeführt wird. Ich freue mich, dass es sowas noch gibt, denn es ist selten geworden. Ich fand außerdem, dass er das eher journalistisch angelegte Format gut gemeistert hat. Dass man ihm seine 66 Jahre andauernd vorwirft, finde ich läppisch. Was sind heute schon 66 Jahre? Ich hoffe, er macht es noch lange.

Renfrew

#3  —  20. Juni 2016, 11:17 Uhr

Leider hat Gottschalk den Zeitpunkt verpasst, mit Würde abzutreten.
Jetzt kommt er aus dieser Nummer nicht mehr raus, ohne sein Gesicht und seine Würde zu verlieren.
Schade! Aber beispielhaft für viele Prominente, egal ob Politik oder Unterhaltung. Vioele machen einfach weiter, bis man sie vom Hof jagt. Da bleibt halt nur noch Mitleid.

Gelöschter Nutzer 5706

#3.1  —  20. Juni 2016, 12:46 Uhr

"Da bleibt halt nur noch Mitleid."

Oder das Dschungelcamp...

Gottschalks neue Sendung ist tatsächlich zum fremdschämen!
Dabei hätte der gelockte Blonde mit der großen Nase etwas Besseres verdient, als auf RTL sein Gnadenbrot zu empfangen.
Doch dazu hätte es etwas bedurft, wozu Thomas Gottschalk leider nicht fähig ist: Nein sagen, seinen guten Ruf mit in die Rente nehmen statt die Hand für einpaar weitere Millönchen aufzuhalten.

Was Jauch als albern grimassierender Quizonkel seit über 10 Jahren eindrucksvoll zelebriert, ist zu einer erprobten Masche im einfallslosen Showbiz geworden. Aus einem one hit wonder wird solange Kapital heraus zu pressen versucht, bis die Zuschauer eine regelrechte Apathie entwickeln und auf diversen Kanälen im print und Online Medien ihre ganze Häme ausschütten.

So wie ich gerade :)

Lieber "Domaß", hörst du nicht deine Zeit ablaufen ?
Lös deinen Vertrag auf, verzichte auf eine Abfindung und genieß dein Leben mit Thea zwischen Malibu und Bayreuth.