Gosha Rubchinskiy "Russen sind sehr direkt"

ZEITmagazin Nr. 28/2016
Seit Gosha Rubchinskiy in Paris erfolgreich ist, kaufen sogar russische Millionäre seine Mode – obwohl man ihr ansieht, wo er herkommt: aus einem Moskauer Wohnsilo. Interview:

ZEITmagazin: Herr Rubchinskiy, mit welchem Missverständnis des Westens gegenüber Russland würden Sie nur zu gerne mal aufräumen?

Gosha Rubchinskiy: Im Westen denken viele Leute, Russland läge in fremder Ferne. Tatsächlich sind wir sehr europäisch. Ich habe immer das Gefühl, dass die Leute im Westen Angst vor Russland haben, weil es so groß und einschüchternd wirkt. Russen sind sehr direkt und haben eine starke Meinung. Viele von ihnen kennen nur Schwarz oder Weiß, nichts dazwischen. Das wirkt natürlich auf manche Menschen bedrohlich.

ZEITmagazin: Sie stammen aus Moskau. Sieht man das Ihrer Mode an?

Rubchinskiy: Ich bin im Norden Moskaus in einer grauen Wohnsiedlung aufgewachsen. In der Schule sammelten wir Terminator-Sticker und schwärmten von Hollywood-Filmen. Natürlich beziehe ich mich mit meinem Design auf meine Vergangenheit. Ich mische diese Erinnerungen aber mit dem, was junge Leute aktuell auf der Straße tragen. In allen Metropolen der Welt ist Streetwear heute beliebt. Junge Menschen tragen Kapuzenpullover, Jogginghosen und Turnschuhe. Ich interpretiere diesen Look mit einem russischen Akzent. Den Titel "Post-Sowjet-Style", der meinem Design in der Presse verpasst wurde, habe ich aber nicht erfunden.

ZEITmagazin: Sie wollten Ihr Label zuerst in Moskau gründen, sind dort aber gescheitert. Woran lag das?

Rubchinskiy: Meine erste Show, die 2008 in einem Moskauer Sportstadion stattfand, war sehr erfolgreich. Kurz danach wurde ich als Gastdesigner zur Londoner Modewoche eingeladen. Von Anfang an wollte ich meine Sachen nicht nur in Russland verkaufen, sondern auf der ganzen Welt. Wegen der schlechten Produktionsbedingungen in Russland und der hohen Exportgebühren hat das allerdings gar nicht gut funktioniert. Also habe ich umgesattelt und mich auf die Fotografie konzentriert. Erst als ich Adrian Joffe, den CEO von Comme des Garçons, kennenlernte und er vorschlug, mein Label innerhalb seiner Firma aufzuziehen und sich um das Geschäftliche zu kümmern, kam ich zurück zur Mode und zog nach Paris.

ZEITmagazin: Es heißt, das Reale und Ungekünstelte Ihrer Kollektionen sei Ihr Erfolgsrezept. Warum sind Glamour und Eleganz heute nicht mehr so gefragt? War Mode nicht eigentlich mal dazu gedacht, zum Träumen von einem schöneren Ich einzuladen?

Rubchinskiy: Ich mache Mode, die man kaufen und anziehen kann. Es gibt ein paar besondere Stücke in jeder Kollektion, die meisten Sachen sind aber Basics. Innovativ ist das Styling, das eine bestimmte Idee von Jugendlichkeit und Aufbruchsstimmung vermittelt. Ich glaube, dass die Leute nicht mehr an den extravaganten Modeträumen fantasierender Designer interessiert sind, sondern an lässigen Sachen, in denen man auf die Straße gehen kann. Junge Menschen wollen sich einer Gruppe und einem bestimmten Image zugehörig fühlen, cool sein. Sie wollen keinen Regeln folgen, die ihnen ein Modemagazin diktiert hat.

ZEITmagazin: In Ihren Kollektionen verfremden oder zitieren Sie immer wieder die Logos bekannter Traditionsmarken wie Tommy Hilfiger oder aktuell Fila. Gab es in Ihrer Jugend eine Sehnsucht nach westlichen Marken?

Rubchinskiy: Dass ich diese Labels zitiere, hat einen anderen Grund. Ein Problem der Modewelt war immer, dass die großen Firmen mit ihren Logos viel Druck erzeugt haben. Man wusste sofort, wer die "richtige" Marke trug, also dazugehörte, und wer nicht. Junge Leute wollen sich diesem Druck nicht mehr beugen. Im Gegenteil: Sie schauen lieber in die Kleiderschränke ihrer Eltern und finden dort Jacken und Sweatshirts von verstaubten Marken wie eben Fila oder Tommy Hilfiger. Das möchte ich aufgreifen, ohne dabei die Marken zu kopieren. Stattdessen kriegen sie den frischen Gosha-Anstrich verpasst.

ZEITmagazin: Trägt man Ihre Sachen auch in der russischen Oberschicht? Dort sind doch eigentlich eher teure Uhren und Pelzmäntel gefragt ...

Rubchinskiy: Doch, mittlerweile tragen sogar russische Millionäre meine Sachen. Die russische High Society kauft immer das, was gerade als cool gilt. Nach dem Motto: Was man in Paris trägt, muss gut sein. Das ist gerade deshalb ironisch, weil der Look meiner Entwürfe ja das Gegenteil von offensichtlichem Reichtum vermittelt, während die russische Upperclass normalerweise gerade darauf viel Wert legt.

ZEITmagazin: Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie nicht in Russland sind?

Rubchinskiy: Die Sprache! Russisch ist wunderschön und sehr poetisch. Im Russischen gibt es zehn Wörter für etwas, das man auf Englisch nur mit einem Wort ausdrücken kann.

ZEITmagazin: Früher träumten Jugendliche von amerikanischer Popkultur, ihr Sehnsuchtsziel war New York. Heute wollen junge Leute aussehen wie ein russischer Skaterboy und nach Berlin ziehen. Haben Sie eine Erklärung für diesen erstaunlichen Wandel?

Rubchinskiy: Jahrzehntelang war Osteuropa durch den Eisernen Vorhang von der Welt isoliert. Wir konnten dem Geschehen im Westen zuschauen, aber nichts dazu beitragen, weder in der Kunst oder in der Musik noch in der Mode. Jetzt wird die erste Generation, die kurz vor oder nach dem Zerfall der Sowjetunion geboren wurde, erwachsen. Es ist die erste russische Generation, die ihre eigenen Ideen in die Welt tragen kann. Bisher waren wir still, jetzt machen wir plötzlich Lärm. Das beschert uns natürlich Aufmerksamkeit.

ZEITmagazin: Sie haben vor einiger Zeit Jugendliche in Berlin für eine Bilderserie fotografiert. Was gefällt Ihnen an der Stadt?

Rubchinskiy: Berlin erinnert mich an Russland. Die Stadt ist nicht hübsch, sie hat eher etwas Kaltes an sich. Gleichzeitig habe ich dort immer das Gefühl, dass es unter der Oberfläche dampft und brodelt.

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