Harald Martenstein Über Umfragen und die Radikalisierung der Mitte

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 28/2016

Alte Freunde kamen zu Besuch, ein Paar. Bürger, könnte man sagen, mit Studium und Haus. Der Mann ist früher sehr links gewesen. "Übrigens, wir sind jetzt Nazis", sagte er fröhlich. Einige Leute verwenden neuerdings dieses Wort in einer ähnlich ironischen Weise, wie Homosexuelle vor Jahren das Schimpfwort "schwul" verwendeten, so lange, bis es für die meisten kein Schimpfwort mehr war. Die beiden sehen die Regierung kritisch, vor allem die Einwanderung. Zeitungen und Fernsehen nutzen sie kaum noch. "Es ist wieder wie in der DDR", sagte die Frau, eine Ostdeutsche.

Auf ZEIT ONLINE habe ich einen Artikel über die "Radikalisierung der Mitte" gelesen, es gibt dazu eine Studie der Uni Leipzig. In der Mitte der Gesellschaft gebe es eine Gruppe, die Gewalt akzeptiere, Vorurteile gegen alles Andersartige pflege, ein autoritäres Milieu. Als Beleg für diese These wird die Zustimmung zu folgendem Satz zitiert: "Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land." Diesem Satz stimmen, falls die Studie recht hat, fast 50 Prozent der SPD- und der CDU-Wähler zu, von den Grünen-Wählern tut dies immerhin ein Viertel.

Dass ein Viertel sogar der Grünen-Anhänger ausländerfeindlich denkt, Gewalt akzeptiert und ein autoritäres Regime herbeisehnt, wäre wirklich ein erstaunlicher Befund. Aber das gibt diese Frage ja auch nicht her. Die Leute werden nur nach einem Gefühl gefragt; nach den Konsequenzen, die sie aus ihrem Unbehagen ziehen, wurden sie nicht gefragt. Sie könnten zum Beispiel als zweiten Satz sagen: "Daran wird man sich gewöhnen, das ist halt die Globalisierung." Oder: "Trotzdem, die meisten Muslime sind sicher gute Leute." Im weiteren Verlauf des Artikels, der, wie üblich, eine Mischung aus Nachricht und Kommentar ist, werden alle, die ein Unbehagen empfinden, in die Nähe von Rechtsextremen gerückt. Zitat: "Da ist der Schritt zum Schleudern von Brandsätzen auf Asylbewerberunterkünfte nur ein kleiner."

Zu den Gründen für die "Radikalisierung der Mitte" gehört, glaube ich, auch die Art, wie diese "Mitte" in den Medien häufig behandelt wird. So etwas wie "Differenzierung" gibt es eigentlich nur noch selten. "Differenzierung" scheint, wenn es um diese Frage geht, auch irgendwie rechtsradikal zu sein. Die Tatsache, dass es in jeder Demokratie seit Anbeginn der Zeiten Rechte und Linke gegeben hat und dass gewisse Unterschiede zwischen Liberalen, Konservativen und Nazis bestehen, scheint einigen Journalisten unbekannt zu sein. Der Unterschied zwischen einem Bombenbauer von der RAF und einem SPD-Ortsvereinsvorsitzenden ist ihnen dagegen bewusst. Es gibt für die nur zwei Denkungsarten, entweder "alles bestens, mehr davon" oder Nazi.

Ich hätte auf die Frage der Leipziger Nazijäger "Nein" geantwortet. Ich fühle mich nicht fremd. Ich bin gegen Abschottung, ich will nicht zurück in die fünfziger Jahre und all das. Vielfalt finde ich gut, autoritäre Typen finde ich zum Kotzen. Trotzdem sehe ich die Regierungspolitik kritisch. Früher, als ich ein flammender Gegner des Kapitalismus war, wurde ich ständig aufgefordert, in die DDR zu gehen, wenn es mir hier nicht passt. Dabei mochte ich die DDR gar nicht so. Heute bin ich offenbar ein Nazi, wo soll ich denn jetzt hin? Polen? Bitte nicht Russland, da werde ich nicht alt. Aber in der Umfrage wäre ich immerhin bei den Guten gelandet. Das heißt, die Umfragen müssen strenger werden. Wie wäre, zur Ermittlung wirklich aller Nazis, die Frage: "Sehen Sie manche Dinge anders als die Bundesregierung?"

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Das ist ja eine richtige Perle des Journalismus! Kein Wunder, dass dem Tagesspiegel die Leser davonlaufen. Und obwohl Martenstein nichts von sich gibt, was sowieso schon jeder weiss, schafft er es dennoch noch innerhalb dieser mickrigen Zeilen gegen Russland zu giften. Was früher die Juden waren, sind heute die Russen. Hass und Schmähungen ihnen gegenüber gehören zum guten Ton und sind ein Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten.