Beziehung Der Nächste, bitte!

Noch nie war es so leicht, einen neuen Partner kennenzulernen. Und trotzdem scheint es schwerer denn je, die Liebe zu finden. Liegt das an den unbegrenzten Möglichkeiten? Oder liegt es an uns? Von
ZEITmagazin Nr. 29/2016

An einem Freitagabend in New York sitze ich mit einem Glas Rotwein in einer Bar, um nach der Liebe zu suchen. Die Bar wurde in einem Stadtmagazin unter den drei besten Orten zum Flirten gelistet. Schwaches Licht fällt auf rot gestrichene Wände, auf hölzerne Sitzecken im Westernstil, auf die zwei Typen neben mir.

Werden sie mich ansprechen?

Ich kann die tätowierten Buchstaben auf den Fingerknöcheln des einen nicht entziffern, er hat ein Buch dabei, Siddharta von Hermann Hesse. Meine innere Männertypologie sagt: wahrscheinlich verträumt, unreif, romantisch. Der andere ist mit dem Handy beschäftigt. Vielleicht schreibt er gerade seiner Freundin, dass er bald nach Hause kommt. Auf meinem Telefon öffne ich Tinder. Die App zeigt mir Foto von Singles in der Nähe. Ich wische, um mein Interesse an jenen zu bestätigen, die wie ich Anfang 30 sind und interessante Jobs, Tattoos oder Sprüche auf ihrem Profil zur Schau stellen. Anzugträger, Lehrer oder Typen mit gegeltem Haar lehne ich ab. Es geht schnell: Foto, wisch, Foto, wisch. Partnerwahl nach dem K.-o.-Prinzip.

Binnen einer Viertelstunde habe ich sechs Matches von Männern und Frauen, die mich gut finden und die ich gut finde. Ich musste dafür niemanden ansprechen, einladen oder mich auch nur von meinem Barhocker erheben.

In der Evolution des Datings stellt Tinder eine neue Stufe dar. Laut New York Times nutzen weltweit 50 Millionen Menschen die App mindestens einmal im Monat. In manchen Großstädten ist tindern so normal geworden wie der Flirt an der Bar. Die Vanity Fair-Autorin Nancy Jo Sales schreibt, dass es das normale Ansprechen oft ersetzt und zu einer "Dating-Apokalypse" geführt hat: Abschleppen statt Verführen. Schneller Sex statt großer Liebe.

Einer meiner Matches hat ein Profilfoto mit einer Kobra. Clyde, 28, New York Film Academy. Er schreibt: "Hey, Baby, wie geht’s dir?"

"Großartig, und dir? Was ist das für eine Schlange auf deinem Foto?"

"Ich hab die Kobra vor ein paar Wochen in Marokko gesehen. Wo lebst du?"

"Hamburg. Bin hier, um eine Geschichte über moderne Liebe zu schreiben."

"Damit kenne ich mich gut aus. Du solltest mich interviewen."

Es muss zehn Jahre her sein, dass das erste Pärchen in meinem Bekanntenkreis sagte: Wir haben uns im Internet kennengelernt. Mit der Zeit wurden es immer mehr. Meine Freunde, die mir vorher von Kommilitonen oder Club-Bekanntschaften erzählt hatten, sprachen immer öfter von ElitePartner, OkCupid oder Tinder. Ihre Dates waren wie Episoden einer Castingshow: Man bewirbt sich, beurteilt die Performance des anderen, siebt aus. Je älter wir wurden, desto mehr fiel mir auf, dass Männer es auf dem neuen Dating-Markt leichter haben als Frauen. An diesem Abend beginne ich in New York meine Recherche, in der Welthauptstadt der Singles. Ich habe eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Einen Mann kennenzulernen ist heutzutage viel leichter als früher – aber ist es womöglich schwerer, die Liebe zu finden?

1. Evolution

Clyde Ramos, der Mann mit der Kobra, ist zurzeit mit Gloria zusammen. Und mit Eva. Und mit Kendra. Und mit Julia (alle Namen geändert). Hübsche Frauen mit langen Haaren, deren Bilder er mir am nächsten Tag auf seinem Handy zeigt. In seiner Tinder-App wischt er durch eine 353-köpfige Bildergalerie von lateinamerikanischen, schwarzen und asiatischen Frauen, fast alle Anfang 20. Es muss seine tiefe Stimme sein, die auf sie so anziehend wirkt. Oder die bullige Figur. Seinen Hund hat er draußen vor dem Café angeleint, den Mann hinter der Espressotheke begrüßt er wie einen Kumpel. Er ist locker. Ein Typ zum Anlehnen.

Dating-Apps wie Tinder haben alles verändert. Der New Yorker Clyde Ramos, 28, sieht Dating als Sport. © Adam Kremer

Als Ramos mich gestern kontaktierte, hat er gerade ferngesehen und nebenbei alle Frauen, die ihm von Tinder vorgeschlagen wurden, per Wisch bestätigt. Er führt es mir vor, bewegt seinen Daumen, als würde er schnell durch ein Buch blättern. Wusch, wusch, wusch. Er gähnt, das Leben als Playboy ist anstrengend. Die letzten zwei Tage hat er abwechselnd mit drei girls verbracht.

Für Ramos ist Dating ein Sport, den er so leidenschaftlich betreibt wie andere Fußball. Beim ersten Date bringt er den Hund mit und erzählt von seiner Schwester, das wirft ein gutes Licht auf seinen Charakter. Nach ein paar Wochen fährt er mit der neuen Freundin zu der Familienhütte in Maine, das macht sie glücklich. Er genießt die gemeinsame Zeit – bis die Frau anfängt, Fragen zu stellen oder Forderungen.

Und dann?

"Hol ich mir eine Neue."

Er lacht heiser, streicht über das zersplitterte Glasdisplay seines Telefons. Eine Frau hat es wütend gegen die Wand geworfen, als sie ihn mit einer anderen erwischte. Der Preis seines Erfolgs: kaputte Gegenstände, kaputte Herzen. Seine Kumpel bewundern ihn. Er sich irgendwie auch: "Es ist cool, eine Bar mit der schönsten Frau an der Seite zu betreten, eine andere schöne Frau zu sehen und die auch zu bekommen." Tinder ist für ihn ein Werkzeug von vielen – er nutzt auch Instagram, Facebook und den guten alten Spruch an der Bar.

Der Politologe Francis Fukuyama hat einmal gesagt, dass die moderne Gesellschaft Männer daran hindere, ihren evolutionspsychologischen Impuls auszuleben und eine Frau nach der anderen zu schwängern: "In welchem Maße die Männer in monogamen Paarbindungen bleiben und bei der Ernährung der Kinder eine aktive Rolle übernehmen, wird (...) von sozialen Normen, Druck und Sanktionen abhängen." Fukuyama hat diesen Satz vor fast 20 Jahren in Der große Aufbruch geschrieben, doch nie schien er wahrer zu sein als heute, in der Welt von Tinder. Wer tindert, muss sich nicht binden, treu sein oder Verantwortung übernehmen. Männer können wieder Jäger sein. Frauen abschleppen wie Beute. Andersherum gibt es das natürlich auch – aber in viel geringerem Ausmaß.

Eine Auswertung der amerikanischen Dating-Plattform OkCupid zeigt, was Männer zwischen 20 und 50 attraktiv finden: Frauen Anfang 20. "Fruchtbare Frauen", wie der Gründer und Mathematiker Christian Rudder betont. Ist es ein Zufall, dass die großen Dating-Tools wie OkCupid, Tinder und – wenn man so will – auch Facebook von Männern erfunden wurden? Dass sie nach dem Prinzip optischer Reiz funktionieren? Die Frage, was im 21. Jahrhundert attraktiv ist, führt zu einer ernüchternden Antwort: dasselbe wie zu Zeiten der ersten Menschen. Das Internet katapultiert uns in eine neoarchaische Zeit.

Ewige Jugend

Die Interessen von Männern und Frauen divergieren mit zunehmendem Alter
Gemeinsamkeiten/Konflikte bei Sachfragen innerhalb möglicher Koalitionen

Clyde Ramos dreht momentan ein Video für eine befreundete Sängerin, im Wahlkampf engagiert er sich für Hillary Clinton. Er weiß, er lebt in einer Welt, die bald von Frauen regiert werden könnte. Seinen Frauenverschleiß bezeichnet er als "Krankheit", "Illusion" und "einsame Art zu leben". Er sagt, er wolle nicht enden wie sein 45-jähriger Onkel. "Vier Freundinnen, und alle hassen ihn." Ramos redet sich ein, nach Liebe zu suchen, doch er ahnt, dass ihm die Fähigkeit zu lieben im Dauerrausch verloren geht. Er erzählt von Depressionen. Dann von seinem Bruder, dessen Tod er nicht verwunden habe. Die Frauen sind eine Ablenkung. Ein Mittel gegen seine innere Leere.

Die klassischen Liebesdramen von Shakespeare und Tolstoi handelten davon, dass einem die bürgerliche Gesellschaft den Weg zum geliebten anderen versperrte. Das heutige Liebesdrama handelt von uns selbst: Es scheint, als suchten wir nicht so sehr nach dem einen anderen Menschen als nach dem Kick, der Anerkennung, der Rettung vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Sind wir zu selbstverliebt, um andere zu lieben?

2. Kapitalismus

An einem verregneten Abend in Düsseldorf versinke ich in einem Theatersessel, um mir anzuhören, warum Liebe so oft in Enttäuschung mündet. Fast alle Plätze sind besetzt, fast alle Zuschauer weiblich. Aus der ersten Reihe habe ich einen guten Blick auf den Mann im Lichtkegel: blonde Haare, ebenmäßiges Gesicht, schwarzes Hemd. Michael Nast, Verfasser des Bestsellers Generation Beziehungsunfähig. "Sieht schnuckelig aus", meine Sitznachbarin streicht sich erwartungsvoll über ihr Kleid.

Der 41-jährige Nast ist so etwas wie der YouTube-Star der Beziehungsliteratur. Ein Jahr ist es her, dass er einen Artikel über den Unterschied zwischen der Generation seiner Eltern und seiner auf dem Single-Blog Im Gegenteil veröffentlichte. "Sie waren [in seinem Alter] verheiratet, hatten ein Haus, Kinder und zwei Autos, alles war geordnet", schrieb er. Nun aber sei vierzig das neue dreißig – und dreißig das neue zwanzig. "Da passt es schon ganz gut, noch in WGs zu leben und sich für Kinder noch zu jung zu fühlen." Es war keine neue These, doch der Text machte Karriere: Eine Million Mal wurde er in der ersten Woche gelesen.

Offenbar haben viele Deutsche das Gefühl, dass sie beziehungsunfähig sind. Oder dass sie an jemanden geraten sind, der es ist. Jeder dritte Erwachsene ist Single – der Markt ist groß.

Es ist nicht klar, was zuerst da war – die Flexibilisierung der Arbeitswelt oder der Anspruch, sich auch in der Liebe alle Optionen offenzuhalten. Das eine hat mit dem anderen zu tun: Je stärker wir uns an den Spätkapitalismus anpassen, desto loser werden unsere Bindungen, und desto weniger sind wir bereit, uns auf eine Person festzulegen. Der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch beschreibt es: "flexibel sein, heute treu, morgen untreu; mobil sein, heute in Kleinkleckersdorf, morgen in Shanghai; Angebot und Nachfrage als Prinzipien der Marktgesellschaft auf das eigene intime Leben anwenden".

Ich muss an meine eigene Liebesbiografie denken: Als ich 17 war, Schülerin in Berlin, kam ich mit einem Klassenkameraden zusammen, der wilder und cooler war als ich. Nach dem Abitur zog ich nach London, und wir trennten uns. Während meines Studiums traf ich einen Engländer, der das Leben leichtnahm und mich zu Elektro-Partys schleppte. Nach ein paar Jahren bekam ich einen Job in Berlin, und wir trennten uns. Als ich meine Ausbildung an der Journalistenschule in Hamburg machte, verliebte ich mich in einen Reporter, der durch die Welt reiste. Nach ein paar Jahren wurde er Paris-Korrespondent, und wir trennten uns. Ich sah das immer so: Manchmal stellt sich das Leben der Beziehung in den Weg, und dann muss man sich für Ersteres entscheiden. Gerade als aufgeklärte Frau sollte man nicht zu viele Kompromisse eingehen.

Woher soll man überhaupt wissen, ob der aktuelle Partner der Richtige ist? Vielleicht läuft ja irgendwo auf der Welt ein noch besserer Traummann herum.

Als ich mich auf der Dating-Plattform ElitePartner anmelde, habe ich das Gefühl, mir meinen Wunschpartner aus einem riesigen Sortiment bestellen zu können: Wie groß soll er sein, wie viel soll er verdienen, welchen Bildungsabschluss muss er vorweisen? 11 704 Männer werden mir bei der Anmeldung empfohlen, in den nächsten drei Tagen erreichen mich 17 Anfragen. Ich klicke mich durch die Profile wie durch Produktvorschläge, checke Fotos, Charaktereigenschaften und Nachrichten ("Hallo, was schreibst du denn? Gedichte?"). Bald habe ich das Gefühl, in Männern zu ertrinken. Ich beginne zu scannen, verwerfe manche wegen langweiliger Selbstbeschreibungen, andere, weil das Bild eine schlechte Auflösung hat.

Die Wahl des Partners ist so ähnlich wie die Wahl des Jobs oder der Kauf einer Wohnung: eine kritische Abwägung von Kosten, Optionen und Präferenzen.

Sind viele junge Erwachsene beziehungsunfähig? Der Autor Michael Nast behauptet das in einem Buch, das ein Bestseller wurde. © Joseph Kadow

In Düsseldorf liest Michael Nast mit samtener Stimme: "Philipp bewegt sich auf Dating-Apps, wie sich Magda auf den Online-Shops von Mango, Zara oder H&M bewegt, wenn sie einkauft." Es ist sein 39. Auftritt auf dieser Lesetour, und er weiß, wie man ein Publikum verführt: flirtende Fragen, ironische Blicke. Er schaut von seinem Manuskript auf: "Wer von euch hat einen Tinder-Account?" Frauenhände schießen in die Luft, schnipsen, auch meine Nachbarin meldet sich. Es ist, als würden sie alle nach demselben Köder greifen – dem Alpha-Autor da vorn auf der Bühne.

Am nächsten Tag erzählt Michael Nast, dass er nach jeder Lesung Telefonnummern zugesteckt bekommt. Während wir durch Düsseldorf laufen, berichtet er von einem Abend in Köln, an dem ihn sieben Frauen angesprochen hätten. Auf Facebook bekomme er jeden Tag Einladungen zum Kaffee. "Spontansex-Angebote", wie er sagt. Eine feste Beziehung könne er sich nicht vorstellen. Welche Freundin würde das schon mitmachen, ohne vor Eifersucht zu explodieren? Er hat einfach zu viele Groupies, zu viele Auftritte.

"Meine Traumfrau?", er lacht. Wir haben uns für ein Café entschieden, er bestellt Latte macchiato. Er sagt ein paar Sätze, die von "Augenhöhe", "kein Groupie" und "offen für alles" handeln. Er mag Brünette mit blassem Teint; hat sich vorgenommen, erst Frauen ab Mitte 20 zu daten; akzeptiert es, wenn sie ein, zwei Zentimeter größer ist; findet Ostdeutsche weniger prätentiös, und gut wäre, wenn sie sich mit Psychologie auskennt. Er selbst sei schließlich "hochsensibel".

Wie so viele Männer kämpft Nast mit einem Dilemma: Einerseits beschreibt er sich als schüchtern und findet die Vorstellung, abgelehnt zu werden, schrecklich. Andererseits interessieren ihn Frauen nicht, die es ihm zu leicht machen – nicht für eine richtige Beziehung zumindest. Es gebe da die Spaßwelt und die echte Welt, stellt er klar. Auch bei der Altersfrage hat er Männerweisheiten zu bieten: Anfang 20 haben Frauen einen "unerfahrenen Blick", Ende 30 treiben sie einen sofort "in die Defensive". Er zitiert einen Freund: "Männer reifen, Frauen welken." Harte Aussage, antworte ich. Er verweist auf sich: "Schau dir mal alte Fotos von mir Anfang 20 an – da war ich richtig pausbäckig!"

Michael Nast ist der Typ Mann, der sich auch mit Anfang 40 noch fragt, wer er eigentlich ist und was er eigentlich will. Er scheint weniger auf der Suche nach der Liebe als auf der Suche nach sich selbst zu sein. Ein narzisstischer Impuls, der einerseits die Unsicherheit des modernen Ichs und andererseits einen unstillbaren Hunger nach Bestätigung ausdrückt. In einer Zeit, in der viele junge Deutsche ihr Leben permanent auf Facebook erzählen und ihre Attraktivität in Tinder-Matches messen, sehnen sie sich nach einem Partner, der sie spiegelt. Der ihnen das Gefühl gibt, etwas Besonderes zu sein, obwohl sie alle das gleiche Telefon haben, dieselben Serien schauen und dieselben Reiseziele besuchen.

Wäre es nicht erwachsener, nach jemandem zu suchen, durch den man sich mit sich selbst konfrontiert? Wäre es nicht besser, auch schwierige Zeiten durchzustehen, um daran zu wachsen? Bleiben wir sonst nicht in unseren eigenen Schwächen und Illusionen gefangen?

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