Stilkolumne: Von Bollen und Bommeln

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 29/2016

Die Bommel ist eines der einfachsten und effektivsten Accessoires. Sie schmückt – und bewegt sich auch noch so schön. Wer als Mann eine Pudelmütze trägt, verliert sofort etwas von seiner Ernsthaftigkeit. Und jedes Kleid, an dem Bommeln, Bollen oder Pompons hängen, wie sie auch genannt werden, sieht verspielter aus. Weil es Pompons schon so lange gibt, sind sie in vielen Kulturen Teil der Folklore. In Deutschland sind sie etwa im Gutachtal im Schwarzwald auf den traditionellen Bollenhüten zu finden. Dort befestigt man 14 apfelgroße rote Bollen auf Strohhüten, was jedes Exemplar bis zu zwei Kilogramm schwer werden lässt.

Auch am anderen Ende der Welt sind bunte Wollbällchen gut bekannt. Bei den Inkas hatten Pompons in der Tracht eine religiöse Bedeutung. Das sehr präsente Rot stand für Eroberung und Macht, Grün repräsentierte Regenwald und Fruchtbarkeit, Gelb wurde mit Gold und Mais verbunden. Violett symbolisierte die Fruchtbarkeitsgöttin der Inkas, Mama Ocllo. Schwarz stand für den Tod. Die Inkas färbten Lamawolle mit Pflanzenfarben, um die bunten Pompons und ihre ebenso farbenfrohen Gewänder herzustellen. Noch heute finden sich südamerikanische Pompons in der Mode. Sie schmücken etwa die Hüte der Marke Yosuzi, die in Lateinamerika gefertigt werden.

Auch in Südeuropa kennt man Bommeln und Quasten. In Italien trugen trauernde Frauen früher ein Tuch mit schwarzen Quasten. Sie sollten die Tränen der Witwen symbolisieren. Die italienische Marke Dolce & Gabbana interpretiert diese Tradition nun auf fröhliche Weise neu und integrierte auf den Sommer-Schauen die Pompons in fast jeden Look. Nun bommelt es an jedem Rocksaum.

Dass der Schwarzwälder Bollenhut so populär wurde, verdankt er im Gegensatz zu seinen italienischen und lateinamerikanischen Pendants nicht jahrhundertealten Traditionen, sondern der modernen Eisenbahn. Die Bahnverbindungen in die Schwarzwaldtäler brachten stadtflüchtige Künstler in die Dörfer, die begeistert die Bollenhut-Mode in Öl verewigten und so weiterverbreiteten. Dabei waren diese Hüte im Schwarzwald gar keine althergebrachten Kleidungsstücke. Man schmückte Strohhüte mit den dicken Wollbollen, weil sie haltbarer waren als Blumen, mit denen man Hüte früher zu Festtagen besteckte. In gewisser Weise waren sie schon damals einfach nur eine besondere Sommermode.

Foto: Peter Langer / Sandalen mit Pompons von Dolce & Gabbana

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