Harald Martenstein Über vorschnelle Urteile

Von
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 30/2016

Anfangs hielt ich die Geschichte für erfunden, sie klingt zu sehr nach einem Theaterstück oder einer modernen Legende. Nachdem die verschiedensten Blätter darüber berichtet haben, unter anderem der Spiegel, beginne ich sie zu glauben.

Eine junge Frau, 24, wird auf einem Mannheimer Spielplatz, nahe bei ihrer Wohnung, von drei Männern vergewaltigt, anschließend beraubt. Zwei Täter sind Araber, der dritte redet persisch oder kurdisch, das ist nicht ganz klar. Das Opfer hat türkische Wurzeln. Die Frau gehört zur Partei Die Linke, in prominenter Position, als Bundessprecherin der Jugendorganisation. Ihre Arbeitsschwerpunkte heißen Feminismus und Antirassismus, sie ist aktiv in der Flüchtlingsarbeit. Die Frau geht zur Polizei. Die Vergewaltigung verschweigt sie. Ihr sei die Tasche gestohlen worden von Männern, die deutsch sprachen, Deutsche und Migranten, gemischt. Sie will den Rassismus in Deutschland nicht weiter anheizen, das ist ihr Motiv.

Später überredet ihr Freund sie dazu, der Polizei die Wahrheit zu sagen. Es gehe ja auch darum, dass diese Täter nun frei herumliefen und vielleicht bald das nächste Opfer suchten. Die Frau tut aber noch etwas anderes, sie schreibt auf Facebook einen Brief an einen fiktiven Flüchtling. Darin heißt es, dass es ihr leidtue, wenn er, der Flüchtling, nun wegen dieser Tat dem Rassismus ausgesetzt sei, nicht er sei das Problem, er habe Schutz verdient. Der Brief richtet sich, wie gesagt, nicht an die Täter, sondern an einen Unbeteiligten. In rechten Foren wird der Brief so interpretiert, als entschuldige sie, das Opfer, sich auch noch bei den Tätern für das, was ihr angetan wurde. Die Frau wird nun von einer Schmutzwelle aus der rechten Ecke überrollt, viele wünschen ihr weitere Vergewaltigungen.

Als ich die Geschichte las, dachte ich, dass sie von der Entchristlichung des Abendlands handelt, aber nicht von der Entchristlichung durch Muslime, sondern durch christliche Deutsche. Die Autoren der Schmutzmails dürften ja meist Landsleute sein. Was diese Frau getan hat, kommt dem schwierigsten biblischen Gebot, einem Angreifer auch die andere Wange hinzuhalten, ziemlich nahe. Wie müssen Leute drauf sein, die dieser Frau, die in einem schweren inneren Konflikt steckt, das Mitgefühl und den Respekt verweigern?

Dann dachte ich an die Frauen, die nach einer Vergewaltigung den Täter nicht anzeigen, und zwar deshalb, weil sie den Mann trotz allem lieben. Das kommt nicht selten vor. Haben Sie dazu ein fertiges Urteil? Ich glaube, dass man erst dann urteilen sollte, wenn man die ganze Geschichte kennt, zumindest in Umrissen. Nicht dass ich mich immer an diesen guten Vorsatz halten würde.

Das alles gibt es. Es gibt kriminelle Flüchtlinge und Angriffe auf Flüchtlingsheime, es gibt eine nicht geringe Zahl von Sexualverbrechen muslimischer Männer und den Hass des Mobs. Es gibt brutale Linke und sanfte Rechte, es gibt Frauen, die einen Unschuldigen der Vergewaltigung anklagen, und Frauen, die einen Schuldigen decken, aus den verschiedensten Motiven, vielleicht edlen. Die Welt ist schwer zu begreifen, deshalb setzen sich viele die Brille einer Weltanschauung auf, in der "gut" und "böse" von vornherein feststehen.

So dachte ich, ich fühlte mich bestätigt in meiner Ablehnung von Ideologien und politischer Korrektheit. Dann erschrak ich über mich, dann ich war genau in die Falle getappt, die ich zu beschreiben versuchte. Ich hatte diese traurige Geschichte sofort auf das Fensterbrett meines Weltbilds gestellt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren