Harald Martenstein Über die Wandlungen eines Hundes

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 31/2016

Zwei Jahre bevor unser Sohn geboren wurde, legten wir uns diesen Hund zu. Wir waren beide über vierzig und hatten bereits Kinder, weiterer Nachwuchs war nicht geplant. Aber der Kleine überwand alle biologischen Hindernisse, er wollte leben. Der Hund war aus dem Tierheim und schwierig; wenn er Angst bekam oder sein Revier bedroht sah, schnappte er zu, nie bei uns, bei anderen schon. Man musste immer aufpassen. Uns dagegen liebte der Hund mit allumfassender Unbedingtheit. Bei jeder Gelegenheit schmiegte er sich an uns, immer suchte er Blickkontakt, immer wollte er gefallen.

Die Prioritäten waren klar. Trotzdem dachten wir, dass der Hund eine Chance bekommen muss. Wenn ein Eindruck von Gefahr entsteht, nur ein Eindruck, dann kommt er weg, das war die Linie. Sowieso lässt man einen Hund und ein kleines Kind ja nie miteinander allein.

Es war anstrengend, neben dem Baby auch noch den Hund im Auge zu behalten. Das Gassigehen, früher ganz nett, wurde immer lästiger. Ich habe eine Rückentrage gekauft, das Baby kam in die Trage, der Hund an die Leine, und wenn der Hund sein Geschäft verrichtet hatte, ging ich mit dem Kotbeutel und dem immer schwereren Baby in die Knie und verfluchte mein Schicksal.

Ich hatte kaum noch Zeit, mit dem Hund zu spielen oder mit ihm Rad zu fahren, beides mag er. Wenn einer von uns verreist war, musste er meistens in die Hundepension. Für eine Person allein geht das nicht, diese Dreifachbelastung, Kind, Beruf und Hund. Das Kind wurde größer, es krabbelte, es lief, immer öfter warf es Gegenstände nach dem Hund, Bälle, Bauklötze, um ihn zum Spielen zu animieren. Manchmal traf es den Hund am Kopf. Das Kind setzte sich oft in sein Hundebett, er tat so, als ob er es nicht bemerkte. Das Kind trat auch nach dem Hund oder zog ihn am Schwanz, Kinder sind so.

Der Hund änderte sich. Er hatte etwas begriffen. Von niemandem hätte er sich das alles gefallen lassen, vielleicht nicht einmal von uns. Ein paarmal knurrte er oder schnappte zur Abschreckung in die Luft. Er verzog sich, wenn das Kind schrie. Wenn es im Bett war, sprang er auf das Sofa und schmiegte sich an mich wie früher. Manchmal leckte er dem Kind über die Hand, das hatte in seiner Sprache etwas zu bedeuten. Du bist Teil meines Rudels. Manchmal, wenn ich mit dem Kind spielte, kam er angetrottet und versuchte, mitzuspielen. Aber je größer das Kind wurde, desto weniger verstand er, was da gespielt wurde.

Der Hund wurde sanfter. In Situationen, in denen er früher geschnappt hätte, blieb er jetzt ruhig. Er war weniger misstrauisch, auch von Fremden ließ er sich jetzt streicheln. Ich bewunderte den Hund, wie man einen Menschen bewundert, der über seine Grenzen geht. Im Tierheim hatte man uns erzählt, dass er lange auf der Straße gelebt hatte, er musste kämpfen und misstrauisch sein, um zu überleben, das hat ihn geprägt. Die neuen Spielregeln waren völlig anders.

Und so ist es geblieben. Wenn ich mit dem Kind auf den Spielplatz gehe, nehme ich ihn manchmal mit, dann binde ich seine Leine vor dem Spielplatz an einen Baum. Er sitzt dann da und schaut uns sehnsüchtig zu.

Wenn ich ihn aus der Hundepension abhole, tobt er vor Freude. Wenn das Kind nicht in der Nähe ist, holt er seinen alten, zerkauten Ball, legt ihn mir vor die Füße und wedelt mit dem Schwanz. Er ist nur ein Hund, aber er tut, was er kann. Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, bin ich genauso loyal wie er?

Das ist ein bisschen kitschig, man soll Tiere nicht vermenschlichen, ich weiß.

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Hunde sind einfach die perfekten Haustiere. Sie lieben ihr Herrchen sogar in Situationen, in denen jeder Mensch es hassen würde, trotzdem stellen sie eine große Herausforderung für jeden Halter dar. Interessant finde ich, wie ihr Hund mit der neuen Situation gewachsen ist, vielleicht ist er auch einfach älter und reifer geworden. Da wir selber einen Hund haben, kenne ich viele der beschriebenen Situationen. Genießen sie die Zeit mit ihrem Haustier! Einen treueren und aufopferumgsfolleren Freund findet man selten.

Ebendiese Prioritäten setzten wir auch bei Geburt unserer Ersten.
Der Hund, selbst noch sehr verspielt, überdreht und manchmal garstig zu Anderen, wurde unter unserer Aufsicht manchmal arg von unserer Tochter drangsaliert. Sie krabbelte auf dem Boden, der Hund legte sich ihr in den Weg und wurde von ihr gekniffen und beworfen. Auch nur das kleinste, agressive Verhalten ihr gegenüber, hätte dazu geführt, sich von unserem Hund zu trennen. Aber es passierte nichts - das Gegenteil war der Fall. Er wurde nachsichtig und ruhiger.
Jetzt ist unsere Tochter mittlerweile große Schweste und schon elf. Der Hund wird nun zusehends noch ruhiger - zu ruhig. Wird schlimm für unsere Töchter, wenn er in absehbarer Zeit ganz verstummt sein wird.