Liebe im Alter "Kommt da noch was?"

Das fragen sich viele Singles über 60. Aber ja! – Wie Ältere die Liebe erleben. Von
ZEITmagazin Nr. 31/2016

Schon die Adjektive, mit denen wir eine neue Liebe beschreiben, machen klar, in welcher Lebensphase wir diese verorten:

Wir nennen solch eine Liebe "frisch" und "zart" und "knospend" oder einfach "jung". Nun sind aber immer weniger Menschen in diesem Land frisch und knospend und jung. Die Hälfte der Deutschen ist über 45.

Und so sollte, wer im 21. Jahrhundert von der Liebe erzählt, nicht nur die Geschichten der ersten Verliebtheit erzählen, sondern auch die der letzten. Was also macht das Alter mit der Liebe? Wie findet man sich mit Mitte 50? Schlägt die Liebe mit über 60 noch immer ein, oder schleicht sie sich vorsichtig an? Wie gelingt es mit fast 70, zwei gelebte Leben zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen? Ist es einfacher, wenn zwei Menschen sich im Alter verlieben, weil beide schon wissen, wer sie sind und was sie wollen? Oder komplizierter, weil das Leben Narben hinterlassen hat? Und nicht zuletzt: Was läuft im Bett? Ist die Liebe im Alter erotisch oder eher platonisch? Ergebnisse einer Erkundung.

Verlieben

Is this desire, enough, enough
To lift us higher, to lift above? (PJ Harvey)

Man kann es sich kaum vorstellen: Aber eigentlich war Ruth Schlorke durch mit der Liebe – diese schlanke Frau mit halblangem grauem Haar, die immer noch Tanzklassen unterrichtet. Sie war Mitte 50 und hatte zwei Beziehungen hinter sich – die zweite, weil der Tod ihr den Mann nahm, die erste, ihre Ehe, aus freien Stücken: Ihr Mann und sie hatten drei Kinder gemeinsam großgezogen, die Liebe aber hatten sie auf dem Weg verloren. Es war über Jahre eine platonische Beziehung, sagt Schlorke, "wir haben versucht, den Kontakt auf das Notwendigste im Alltag zu beschränken". Am Tag, als das jüngste Kind 18 wurde, sagte Ruth Schlorke: Ich will gehen. Drei Monate später hatten sie ihre Wohnung aufgelöst und die Ehe auch formal beendet. Ruth Schlorke verliebte sich wenig später in einen älteren Mann, der wie sie in der Jugendarbeit tätig war. Nach fünf gemeinsamen Jahren starb er. "Ich habe mich in die Arbeit gestürzt", sagt sie. "Alle Gefühle wie ein Maulwurf vergraben." Sie wurde älter. Und plötzlich tauchte da eine Frage auf: War es das für dich mit der Liebe? Auf ewig?

Es ist die Schlüsselfrage, die sich auch den drei anderen stellte, die sich bereit erklärten, in langen Gesprächen ohne Scheu, allerdings unter geändertem Namen, zu berichten, wie es ist, sich in der zweiten Hälfte des Lebens zu verlieben:

Paula Krahe, Ärztin in Hamburg, war Mitte 50, als ihr Mann, wie sie sagt, "vom Hof ritt".

Peter Petzold, geschieden, zwei Kinder, war Mitte 60, als er nach einem langen Auslandsaufenthalt in Asien frisch pensioniert nach Deutschland zurückkehrte und allein eine Altbauwohnung in Berlin bezog.

Hilde Herrmann beerdigte ihren Mann nach 46 gemeinsamen Jahren. Sie war 69, als er starb, und auch sie fragte sich: Kommt da noch was?

Dass alle vier diese Frage heute mit Ja beantworten, ist kein Zufall. Es scheint so, als mache sich die sexuelle Befreiung gerade auf die letzten Meter des Weges. Sie ist stiller geworden mit den Jahren, logisch, aber deshalb nicht weniger wirkungsvoll. Glaubt man Statistiken und Soziologen, glaubt man Paarforschern und Ärzten, ändert sich gerade etwas fundamental: Die Alten entdecken die Liebe. Vor allem für die Frauen bedeutet das, dass sie auch jenseits der Wechseljahre eine andere Rolle annehmen können als jene, auf die sie seit je reduziert wurden: die der Oma – eines asexuellen Wesens, dessen Zuneigung sich auf Kinder und Enkel zu beschränken hatte.

Nach Angaben des Zentrums für Altersforschung gibt es bei den über 60-Jährigen so viele Partnerschaften wie nie zuvor. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2014 100.000 Ehen geschlossen, bei denen ein Partner über 50 war – zwei Drittel mehr als noch im Jahr 2000. Und als die Universität Osnabrück Menschen zwischen 50 und 70 zu ihrem Sexualleben befragte, gaben 60 Prozent der Frauen und 80 Prozent der Männer an, regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben.

Kommentare

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Menschen über 50 haben Sex. Vor allem die Verblüfftheit über diese weder neue, noch originelle Erkenntnis im Artikel finde ich erstaunlich. Eine simple Befragung von Pflegekräften in einem x-beliebigen Altersheim nach der Bedürftigkeit von alten Menschen liefert Erkenntnisse bis ins schockierende hinein. Natürlich kann auch ich mich erinnern, dass mir als 18jährigem die Vorstellung, meine Eltern hätten Sex eher unappetitlich vorkam, aber das hier atemlos die Erkenntnis: auch Omas haben Gefühle ausgebreitet wird ist ein wenig beschämend. Erfreulicherweise kriegt der Artikel noch die Kurve. Der Spagat zwischen der weiterhin vorhandenen Libido, dem Wollen und den nachlassenden körperlichen Möglichkeiten, dem Können ist gut dargestellt, der Eiertanz zwischen persönlichem Marktwert, dem Markt an sich und den neuen technischen Möglichkeiten finde ich auch gelungen.