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Martin Brambach: Auf der Suche nach dem Verborgenen

Der Schauspieler Martin Brambach erfuhr mit zwölf, dass sein Vater nicht sein Vater ist und Jan Josef Liefers sein Stiefbruder. Heute brilliert er mit Figuren, die den Halt verlieren. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2016

Als der Drehtag fast vorbei ist, hat Martin Brambach es wieder einmal geschafft. Brambach steht am Set einer neuen Miniserie, die Frau Temme sucht das Glück heißen wird. Das Set, Aktenordner, rückenfreundliche Stühle, Auslegeware, sieht aus wie das Büro einer Versicherung, und genau das soll es auch sein. In der Comedy-Serie geht es um eine Versicherung, die kurz vor der Pleite steht und daher Policen gegen jedes noch so unmögliche Risiko anbietet. Brambach spielt Hans Peter Mühlens, einen Abteilungsleiter, der Druck von oben bekommt und Häme von unten. Er ist kaufsüchtig und hat Schulden angehäuft, die er durch Glücksspiel loswerden will. Eine stromberghafte Figur mit schlecht sitzendem Anzug und unmodischer Krawatte.

In der Szene, die gerade gedreht wird, stürmt seine Frau ins Büro: Sie möchte sich gegen seine Kaufsucht versichern. Beobachtet von seinen feixenden Mitarbeitern, drängt er sie aus dem Büro, "Hasi, ich versprech dir, ich kauf weniger ein", sagt er, und dann schiebt er diesen einen Satz hinterher: "Aber man hat doch sonst nichts im Leben." Eine Floskel, die in der mäßig lustigen Szene einfach so verschwinden könnte. Aber so, wie Brambach den Satz sagt, öffnet sich hinter dem Klamauk kurz der Blick auf ein Leben: auf die Sinnlosigkeit, die darin liegt, sich jeden Morgen eine Krawatte umzubinden, auf die Leere zwischen den Aktenordnern, den bitteren Geschmack des Filterkaffees und die Sehnsucht, all dem zu entkommen.

Es regnet an diesem Apriltag in Düsseldorf, in einer Pause steht Brambach, 48 Jahre alt, unter einem Vordach und raucht eine selbst gedrehte Zigarette. Er ist müde und aufgekratzt zugleich, hat wenig geschlafen, weil er gerade drei Sachen parallel dreht. "Es gibt tausend Arten, einen Satz zu sagen", sagt er, und nachts, vor dem Dreh, lässt ihm das keine Ruhe. Er erzählt, wie gern er Menschen beobachtet, "dabei stelle ich mir vor: Welche Geschichte liegt hinter ihnen, welcher Riss geht durch ihr Leben? Und wie zeigt sich das?"

Brambach spielt oft Männer wie Mühlens, den Abteilungsleiter. Männer, die einfach weiterrennen, wie eine Comicfigur, unter der sich längst der Abgrund auftut und die, sobald sie innehält und nach unten schaut, verloren ist. Und egal, wie fern oder unsympathisch diese Figuren einem sein mögen, sie kommen einem nahe. Weil Brambach ihre Angst vor einem Verlust spürbar macht, vor dem wir uns alle fürchten: dem Verlust der Kontrolle über das eigene Leben. Vielleicht schafft er das, weil er selbst früh erlebt hat, welche Geschichten Menschen hinter einer Fassade verbergen. Welche nicht sichtbaren Kräfte und Zwänge sie treiben. Und dass Gewissheiten von einem auf den anderen Moment erschüttert werden können. Damit haben auch die selbst gedrehten Zigaretten etwas zu tun. Aber dazu später.

Da es fast immer Nebenrollen sind, die er spielt, hat Brambach mittlerweile eine ganz eigene Form der Bekanntheit erlangt. In einer Zeit, in der das Fernsehen bevölkert ist von Menschen, deren Namen man kennt, aber nicht weiß, warum eigentlich, können umgekehrt die meisten mit Brambachs Namen nichts anfangen – doch wenn man ihnen ein Bild von ihm zeigt, verstehen sie sofort, warum man über ihn schreiben will. Weil man ihn nicht vergisst.

Dieses Jahr war bislang sein stärkstes: Er war der windige Medienberater Rainer Pfeiffer in dem Film Der Fall Barschel, getrieben, gehetzt, verschwitzt und verschlagen. Er gehört zum neuen Dresdener Tatort- Team, als Vorgesetzter von zwei Kommissarinnen, der hinter seiner jovialen Art verstecken will, dass er sich in einer Welt, in der Frauen Morde aufklären und man nicht mehr "Neger" sagen darf, nicht zurechtfindet.

In der Miniserie Die Stadt und die Macht war er ein schillernder, gewiefter Wahlkampfmanager, der genau weiß, wie man die perfekte Fassade baut, und dessen eigene Fassade dennoch durchlässig ist. Denn wenn es eng wurde oder emotional, ließ Brambach ihn vom Hochdeutschen ins Badische zurückfallen, sodass man ahnte: Hinter der schrillen Kleidung und der "Hab ich alles schon gesehen, Kleines"-Attitüde kann da einer das Gefühl nicht abschütteln, ein Aufsteiger aus der Provinz zu sein, der oben nur mitspielen darf. Und schließlich, Ende April, spielte er in der Krimireihe Unter Verdacht einen Richter, der Frauen hasst. Eine Verrücktheit, die sich langsam entblättert und erst in der letzten Szene offen hervorbricht. Die Brambach aber andeutet, wenn er in jeder Szene, in der er sich an einen Tisch setzt, die Uhr abnimmt und penibel im selben Winkel vor sich ausrichtet. Die eine Geste, der eine Moment, in dem aufscheint, was verborgen ist: Darin ist Brambach ein Meister.

Kommentare

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Für mich ist das der, der immer mit offenem Mund den etwas Debilen spielt. Und zwar immer die gleiche Rolle. Ja, ich weiß, das ist kein Kompliment für einen Schauspieler. Trost sei ihm, dass fast alle (deutschen) Schauspieler dieser Klasse angehören: Chargen. Kaum jemand, der alle möglichen Rollen entsprechend anders spielen kann. Ja die gibt's auch. Wenige.

Z.B. Brambach - denn mir ist aufgefallen, daß ich ihn manchmal auf Anhieb gar nicht erkannt habe in einer neuen Rolle (und das ist mir so nur bei Tom Hanks passiert - also Kompliment). Und ein Forist, der die deutschen Schauspieler (fast) pauschal in die Chargen-Tonne tritt, ist mit Sicherheit eines - ein Barfuß-Kritiker.

Ein guter Schauspieler. Ich weis nur nicht, was alle an seinem Halbbruder JJL finden. Diese affektierende Art kann schon gewaltig nerven. Und es ist Langweilig.
Da schaue ich doch lieber Brambach zu, wie er verstört und mit zitternden Händen an einer Kippe zieht...

Kuttich

#2.1  —  28. Juli 2016, 13:46 Uhr

Der Liefers kann nicht nur Tatort. Ich hab schon ein paar nette Filme mit ihm gesehen...