Ich habe einen Traum: Alice Dwyer

"Ich fliege an der Seite von Peter Pan über Berlin – und irgendwann küssen wir uns"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 33/2016

Meine nächtlichen Träume finde ich oft anstrengend. Ich bin dankbar, wenn ich mich nach dem Aufwachen nicht mehr an sie erinnere. In vielen dieser Träume geht es um meine Familie, meine Freunde oder irrationale Ängste – als wolle mich mein Unterbewusstsein mit einem Vorschlaghammer auf Dinge aufmerksam machen.

An die Träume meiner Kindheit erinnere ich mich kaum. Nur einer ist mir bis heute präsent geblieben, darin fliege ich an der Seite von Peter Pan über Berlin – und irgendwann küssen wir uns. Das ist mir so peinlich, dass ich rot werde. An dieser Stelle bricht der Traum dann ab.

Meinen Träumen gebe ich eigentlich keine zu große Bedeutung – man kann sich da ja schnell viel Quatsch zusammenreimen. Ignorieren will ich sie aber auch nicht. Wenn mich etwas gar nicht mehr loslässt, rede ich gern mit meiner besten Freundin darüber. Sie studiert Psychologie und hat einen guten Blick auf die Dinge, ohne gleich ins Therapeutische zu rutschen. Wir unterhalten uns über meine Träume, und meistens endet es damit, dass wir uns einfach kaputtlachen.

Meine Tagträume hingegen sind mir sehr lieb. Schon in der Schule war ich diejenige, die verträumt aus dem Fenster blickte. Dabei dachte ich darüber nach, was ich mit meinem Leben anstellen könnte, wenn ich nicht im Unterricht sitzen müsste. Ich ging nicht gern zur Schule, den Unterricht empfand ich als Zeitverschwendung. Mathematik und Chemie fielen mir besonders schwer. Ich saß also im Klassenraum und wartete darauf, endlich das zu machen, wovon ich schon immer geträumt hatte – nämlich zu schauspielern. Deshalb stand für mich die Entscheidung fest, die Schule nach der zehnten Klasse zu beenden. Meinem Vater wäre es lieber gewesen, wenn ich Abitur gemacht hätte. Doch ich ließ mich nicht beirren.

In letzter Zeit träume ich immer häufiger davon, mal wieder nach Neuseeland zu fliegen und meine Familie dort zu besuchen. Für mich ist Neuseeland das schönste Land der Welt. Als ich sieben Jahre alt war, habe ich dort eine Zeit lang mit meiner Mutter gelebt. Wir kamen aus Berlin, und plötzlich wohnten wir auf dem Land. Ich hatte ein Kalb als Haustier, und obwohl ich kein Naturmensch bin, hat mir das sehr gefallen.

Meine Mitschüler fanden es aufregend, dass da jemand vom anderen Ende der Welt zwischen ihnen saß. Sie waren mir gegenüber unglaublich aufgeschlossen, so wie überhaupt alle Menschen, denen ich in Neuseeland begegnet bin. Ich habe eine Höflichkeit erlebt, die nie aufgesetzt wirkte. Man hat dort einfach verstanden, wie sehr dieses Miteinander zur Lebensqualität beiträgt. Das vermisse ich hierzulande oft. Die Kälte, mit der man einander begegnet, verstehe ich nicht. Ebenso wenig die Angst vor allem Fremden. Ich bin in einem weltoffenen Haushalt aufgewachsen, deshalb kenne ich solche Ängste nicht. Ich wünschte, ich könnte ein Mittel gegen sie erträumen.

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