Harald Martenstein Über Spenden an Drogenabhängige

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 33/2016

In Berlin stehen seit ein paar Wochen an vielen Ampelkreuzungen Bettler. Es sind ältere Frauen und Männer, jede dieser Personen hat eine Krücke dabei. Immer eine, niemals zwei. Die Krücken sehen alle gleich aus, da scheint jemand einen Großeinkauf getätigt zu haben. Wenn die Autos wegen der Ampel stoppen, humpeln die Bettler herbei, meistens haben sie einen Plastikbecher in der Hand. Sobald die Autos weg sind, können sie wieder deutlich besser laufen.

Von meinem Laster, Bettlern etwas zu geben, will ich nicht lassen. Diesen Leuten gebe ich allerdings nichts. Wenn Sie, verehrte Leser, dies verwerflich finden, dann geben Sie ihnen etwas. Falls Sie freigiebig sein wollen, bitte sehr, nur zu. Beschämen Sie mich, senden Sie mir ein Video von der Spendenübergabe. Seien Sie mein Rollenmodell.

An einer Kreuzung, die ich häufig passiere, steht ein Mann, der nicht zu diesem Team gehört. Er verkauft eine Straßenzeitung, die von Obdachlosen gemacht wird. Solche Zeitungen kaufe ich meistens, aber ich kaufe nur eine. Wenn ich die Ausgabe bereits habe, gebe ich dem Verkäufer oft trotzdem etwas und verzichte auf die Zeitung. Das Verkaufen ist Arbeit, und wenn jemand arbeitet, um Geld zu verdienen, dann hat diese Person bei mir einen Sympathievorsprung vor Leuten, die eine Gehbehinderung simulieren. Diese Haltung ist patriarchal-hegemonial, vielleicht sogar neoliberal, aber so bin ich nun mal.

Der Mann ist nicht alt, sehr dünn und wacklig auf den Beinen, er hat nicht mehr viele Zähne. Ich vermute, dass er von irgendeiner Droge abhängig ist, vielleicht Alkohol, vielleicht Heroin. Natürlich kann der Augenschein trügen. Die Frage ist, ob man jemandem Geld geben sollte, der sich davon wahrscheinlich Drogen kauft. Die Drogen schaden ihm, und das, was ihm vielleicht helfen würde, ist gewiss nicht eine weitere Dosis. So weit die Stimme der Vernunft.

Aber das habe ich nicht in der Hand. Ich kann ihn von den Drogen nicht wegbringen, denn meine Nächstenliebe ist nicht groß genug, um das Auto zu parken, zu ihm zu gehen, mir seine Lebensgeschichte erzählen zu lassen und gemeinsam mit ihm einen Zukunftsplan zu entwerfen, den ich nach Kräften unterstütze. Ich bin nur ein Typ im Auto auf dem Heimweg, der entweder etwas gibt oder nicht. Und alles, was dieser Mensch an Glücksmomenten zurzeit erwarten darf, hängt vermutlich mit der Droge zusammen. Das heißt, ich helfe ihm mit meiner Spende nicht aus der lebensgefährlichen Krise, in der er steckt, aber ich verhelfe ihm vielleicht zu ein paar angenehmen Minuten. Schade ich ihm wirklich? Die Entscheidung, einen Entzug zu beginnen oder nicht, dürfte wohl kaum von den ein, zwei Euro abhängen, die er von mir bekommt.

Jetzt muss natürlich Kant ins Spiel kommen, der kategorische Imperativ. Was, wenn jeder sich so verhält wie ich? Der Mann könnte mehr Drogen kaufen denn je, dann stirbt er. Das ist seine Entscheidung, seine Freiheit, die ich ihm nicht abnehmen kann. Er hat sich entschlossen, mich um Geld zu bitten, ich habe mich entschlossen, ihm welches zu geben, weil er mir sympathisch ist. Wir waren auf Augenhöhe, und wenn ich ihm stattdessen einen patriarchal-therapeutischen Vortrag gehalten hätte, wären wir das nicht gewesen.

Zu Hause entkorke ich meinen Wein, meine Droge, die ich einigermaßen unter Kontrolle habe, und habe keine Ahnung, ob ich richtigliege oder falsch. Am nächsten Tag ist der Mann dann verschwunden, stattdessen steht da eine alte Frau mit Krücke. Sie haben ihn verscheucht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

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Das sind die Auswirkungen der Arbeitsnehmerfreizügigkeit, insbesondere seit 2014 mir Rumänien und Bulgarien. Überall wird Manipulation n Berlin angebettelt, beleidigt, angebrüllt. Diese Leute schlafen unter den Brücken, man traut sich im Dunkeln nicht mehr in die Parks. Die Touristen sind erschrocken über die Armut in Deutschland und nicht vorhandene sicherheits und Präsenz des Staates.
Schlimm auch für die paar Kinder, die es dort noch gibt.

Ich kann der "neoliberalen" Sicht des Autors zum Spenden weitgehend zustimmen. Ich gebe Zeitungsverkäufern und Musikanten in Berlin auch deutlich mehr als vermeintlich nicht arbeitenden Bettlern.
Wo ich nicht zustimmen kann ist seine Sicht auf Drogen. Möglicherweise bin ich ihm aber auch auf den Leim gegangen, denn wie seine Pointe zum Schluss mit seiner eigenen Droge Alkohol belegt, denkt er hier schon etwas über den Tellerrand hinaus.
Dann bitte auch noch den letzten Schritt machen und Drogenabhängige in erster Linie mal als Kranke betrachten. Natürlich sollte man, der Logik des Autors folgend, Kranken mehr Spenden als organisierten Simulanten.