Die großen Fragen der Liebe: Soll sie ihr sagen, dass sie mehr will als einen Urlaubsflirt?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 33/2016

Die Frage: Marianne ist Krankengymnastin und hat sich mit zwei Kolleginnen in einer Kleinstadt selbstständig gemacht. Mit einer dieser Kolleginnen hatte sie einmal eine Beziehung. Marianne wollte eine feste Bindung, aber die Freundin fürchtete um ihre Freiheit. Beide rechnen es sich hoch an, dass sie Freundinnen geblieben sind. Aus purer Neugier probiert Marianne im Urlaub die Dating-App Tinder aus. Zu Hause wäre es ihr peinlich, wenn eine ihrer Patientinnen erführe, dass sie lesbisch ist. Jetzt lernt sie Claire kennen und verliebt sich heftig. Marianne würde Claire am liebsten sagen, dass sie sich eine gemeinsame Zukunft wünscht. Aber sie fürchtet, Claire würde dann die Flucht ergreifen. Claire bemerkt Mariannes Anspannung und will wissen, was los ist. Soll Marianne damit herausrücken?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ich halte nichts von taktischem Verhalten in Beziehungen – nicht weil ich es unmoralisch finde, sondern weil es mehr schadet als nützt. Es ist normal, auch mal einen Korb zu bekommen. Wer das um jeden Preis vermeiden will, hat am Ende doppelten Ärger: Er hat sich mühsam verstellt, und es geht trotzdem schief, weil jemandem sein Taktieren nicht gefallen hat. Wenn das Beziehungsschiff schon untergeht, dann wenigstens unter der eigenen Flagge. Marianne kann ihre neue Liebe gleich einem ersten und unvermeidlichen Stresstest unterwerfen. Meist ist nicht die Erwartung das Problem, sondern die mögliche Kränkung. Claire braucht den Raum, zögern zu dürfen. Marianne hat gezeigt, dass sie mit solchen Situationen umgehen kann, sonst wäre sie nicht mehr mit ihrer Ex befreundet.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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