Gesellschaftskritik: Über Michelle Obama

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 33/2016

Natürlich weiß ich, dass man nicht mehr sagen soll, jemand sei authentisch. Nur warum man das nicht mehr sagen soll, daran erinnere ich mich nicht mehr so genau. Ich glaube, das hat was mit der Postmoderne zu tun. Überhaupt haben mit der Postmoderne viele Dinge zu tun, die sich modern anhören, es aber nicht (mehr) sind, wie etwa die Moderne.

Mein Wissen über den Zusammenhang zwischen der Postmoderne und dem Authentischen reicht aus, um bei einer Stehparty mittelschlauer Menschen, ein Glas Sauvignon blanc in der Hand, lässig den Satz fallen zu lassen: "Erich Fromms Begriff vom Wesen des Menschen steht nur auf den ersten Blick in völligem Widerspruch zum postmodernen Verständnis von Authentizität." Bevor einer mich dann in ein Gespräch verwickeln kann, rede ich über Fußball. Nicht dass jemand damit beginnt, mich so lange zu decodieren und dekonstruieren, bis nichts mehr da ist, nicht das Wesen des Menschen, nicht die Authentizität und ich auch nicht. Was allerdings ziemlich postmodern wäre.

Obwohl man, wie gesagt, nicht mehr sagen soll, jemand sei authentisch, sage ich es weiterhin. Weil kein anderes Wort besser beschreibt, wenn jemand unverwechselbar auftritt, offen, entspannt, ungekünstelt, keine Rolle spielt, wenn er oder sie ausstrahlt, er oder sie selbst zu sein. Michelle Obama strahlt das aus – und Hillary Clinton das Gegenteil. Das ist der Grund, warum so viele die scheidende First Lady der USA mögen und die womöglich nächste Präsidentin bestenfalls respektieren. Michelle Obama bedient die Sehnsucht einer Gesellschaft, die sich immer in Rollenspielen verliert: nach dem Echten. Um nicht zu sagen: dem Authentischen.

Ihr gelang neulich sogar das Kunststück, in einer Fernsehshow offen Selbstmarketing zu betreiben, ohne sich dabei auch nur einen Millimeter von sich selbst – Fromm würde sagen: von ihrem Wesen – zu entfernen. Der Talkshow-Host James Corden lädt in seiner Late Late Show Promis zu Karaoke-Spritztouren, jüngst stieg Michelle Obama zum Carpool Karaoke bei ihm ein. Gekreische im Publikum, ein Witzchen von Michelle über ihren Mann – und dann schmettert sie zusammen mit Corden einen alten Stevie-Wonder-Hit: Like a fool I went and stayed too long, now I’m wondering if your love’s still strong ... Michelle wippt, klatscht, schnippt mit den Fingern. Sie performt, wirkt dabei aber so ungekünstelt und unverstellt, dass man in keiner Sekunde die First Lady in einer Unterhaltungssendung sieht, sondern immer nur Michelle Obama.

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