Drehbuch Kirmes ’84

ZEITmagazin Nr. 34/2016
Ein Mädchen hat Liebeskummer und trifft eine Wahrsagerin ... Annette Hess, Erfinderin von "Weissensee" und "Ku’damm 56", hat für uns ein Drehbuch geschrieben über die heilende Kraft der Zukunft. Von

1. BILD – SCHÜTZENWIESE AUSSEN / FRÜHER MORGEN

Sonntagmorgen. Die Schützenwiese eines niedersächsischen Dorfes liegt in der Morgensonne. Es hat die ganze Nacht geregnet und gewittert, jetzt wirkt alles wie frisch gewaschen und still. Nur in der Ferne ist ab und an noch Donnergrollen zu hören.

Mehrere Buden und Fahrgeschäfte sind auf der Wiese aufgebaut: ein respektables Festzelt, ein Autoscooter, ein Kettenkarussell. Daneben eine Süßwarenbude, eine Würstchenbude, man riecht es, obwohl die Klappen jetzt fest verschlossen sind. Außerdem gibt es eine Schiffsschaukel. Zwei Schilder hängen daran: "Eine Fahrt 60 Pf" und "Junger Mann zum Mitreisen gesucht". Neben der Schiffsschaukel steht ein spitzes lilafarbenes Zelt, worauf jemand in goldener Schnörkelschrift "Madame Mineur – Internationale Wahrsagerin" geschrieben hat.

Am Wiesenrand haben die Schausteller ihre Wohnwagen aufgestellt. Keine Menschenseele ist zu sehen.

Nur ein Mädchen schiebt ein Fahrrad über die Wiese, an den Buden vorbei. Es hat einen grün gefärbten Stoppelhaarschnitt, der wie Moos aussieht. Das Mädchen trägt einen schwarzen Minirock, ein zu großes Herrenhemd und eine zerrissene Netzstrumpfhose mit schwarzen Boots.

Das Mädchen ist weiß im Gesicht, als habe es einen schweren Schock erlitten.

2 . BILD – SCHÜTZENWIESE – AUTOSCOOTER

Das Mädchen kommt jetzt am Autoscooter vorbei, auf dessen Plafond ein Dilettant die Musiker von Modern Talking gemalt hat. Ein einsamer Wagen dreht sich leise surrend, darin ein dicklicher, fast kahlköpfiger Mann. Er trägt eine zu enge dunkelgrüne Schützenkluft, sein Kopf ist zur Seite gekippt. Er hat sich vollgekotzt und schläft mit offenem Mund seinen Rausch aus. Vielleicht ist er aber auch tot. Das Mädchen beachtet den Mann nicht und schiebt weiter sein Fahrrad über den regenweichen Weg. Sein Kajalstift ist verschmiert.

3. BILD – GELBER WOHNWAGEN

Zur gleichen Zeit in einem der Wohnwagen. Eine Frau Mitte 40 in einem zu großen blauen Männerbademantel mit hell blondiertem Haar und einer zu großen schwarzen Brille setzt Wasser in einem Kessel auf einem Elektroherd auf. Sie ist angespannt, scheint auf etwas zu warten. Sie sieht immer wieder aus dem Fenster. Sie nimmt zwei Becher aus einem Schrank, füllt jeweils zwei Löffel Kaffee hinein.

Durch die schlierige Fensterscheibe erkennt man das Mädchen mit seinem Fahrrad, wie es über den Platz geht. Die Frau atmet schneller, sie hat etwas vor. Sie tritt an die Tür, legt die Hand auf die Klinke ...

4. BILD – SCHÜTZENWIESE AUSSEN / FRÜHER MORGEN

Das Mädchen kommt an dem gelben Wohnwagen vorbei, sein Fahrrad bleibt in einer schlammigen Pfütze stecken. Das Mädchen schiebt mühsam. Da öffnet sich die Wohnwagentür, und die Frau tritt heraus.

FRAU: Du. Du!

Das Mädchen hört die Frau zuerst nicht, sieht sie dann irritiert an.

FRAU: Ich muss mit dir sprechen.

Das Mädchen starrt die Frau einen Moment lang an, schüttelt dann abwehrend den Kopf, schiebt sein Fahrrad weiter ... Die Frau kommt die Stufen des Wohnwagens hinunter.

FRAU: Ich weiß etwas von ihm. Von dem du gerade kommst. Ich glaube, das interessiert dich.

Das Mädchen bleibt stehen, alarmiert, verblüfft. Die Frau kommt ihm bekannt vor. Fast vertraut.

MÄDCHEN: Ich kenne Sie doch. Aber woher ...?

FRAU: Wir sind uns noch nie begegnet.

Das Mädchen und die Frau stehen sich jetzt gegenüber, betrachten sich gegenseitig wie in einem Spiegel ...

FRAU: Wie jung du bist.

Das Mädchen streicht sich unwillkürlich prüfend über die Wange ...

5. BILD – SCHÜTZENWIESE – AUTOSCOOTER

Der Mann im Autoscooter fährt weiter im Kreis. Oben im Stromabnehmer britzelt es, kleine Blitze schießen über das Metallnetz, der Wagen ändert die Richtung und fährt langsam auf eine Wand zu ...

6. BILD – GELBER WOHNWAGEN

Im Wohnwagen. Die Frau nimmt den blubbernden Kessel vom Herd und gießt die beiden Becher voll. Das Mädchen steht im Raum und beobachtet sie dabei, immer noch irritiert. Die Frau lässt vier Stücke Zucker in jeden Becher plumpsen.

FRAU: Cowboykaffee mit vier Stück Zucker. Magst du doch, oder?

Das Mädchen nickt überrascht, da fällt sein Blick auf ein paar Bücher in einem Regal. Man erkennt die Buchrücken: Wahrsagen leicht gemacht, Jeder kann in die Zukunft sehen!, Zum Dritten Auge in drei Wochen. Auf dem Tisch liegt ein ausgelegtes Tarotkartenspiel.

MÄDCHEN: Sie sind diese Madame Mineur oder was?

Die Frau antwortet nicht darauf. Sie stellt die Becher auf den Tisch und setzt sich auf die eine Seite des Tisches. Sie rührt ihren Kaffee um.

FRAU: Es ist vorbei, oder?

Das Mädchen sieht die Frau verblüfft an, setzt sich, schluckt, kurz vor dem Weinen. Die Frau sieht das Mädchen liebevoll an.

FRAU: Und er hat nicht mal den Mumm gehabt, selbst Schluss zu machen. Er hat nur irgendeinen Mist erzählt von einem Film mit Marsmenschen. Du hast eine neue Freundin, oder? – das hast du ihn gefragt! Er musste nur noch nicken.

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