Jugend Ich sehe was, was du nicht siehst

Wir haben Erwachsene gefragt: Was hätten sie gerne schon früher gewusst – als sie jung waren? Damit die Jugend von heute hoffentlich daraus lernen kann Von Anika Dreßler , Ramona Drosner , Heike Faller , Matthias Kalle , Anna Kemper , Annabel Wahba und Carolin Würfel
ZEITmagazin Nr. 34/2016

Ein merkwürdiges Erlebnis, an das ich ab und zu denken muss: Ich war in der Disco unserer Kleinstadt gewesen, und auf dem Weg nach draußen hatte ich einen vielleicht 16-jährigen Jungen getroffen. Ich hatte gerade den Führerschein gemacht, und er brauchte eine Mitfahrgelegenheit, aber dann saßen wir im parkenden Auto und fuhren nicht los. Der Junge hatte seinen Kopf auf das Armaturenbrett gelegt. Etwas Unerträgliches sei geschehen, sagte er, so schlimm, dass er es nicht aussprechen könne. Ich ahnte dennoch, was "es" war, ich hatte es selbst schon erlebt: Etwas eigentlich Nebensächliches passiert, und plötzlich bekommt man das Gefühl, man sei so absolut gehtgarnichtmegahorrorentsetzlich, dass man nie einen Platz in der Welt finden wird.

Als Kind wird man geliebt, weil man klein und süß und komplett abhängig ist. Als Jugendlicher findet man sich plötzlich in einer Welt wieder, in der es diese Gratisliebe nicht mehr gibt, höchstens von den Eltern, aber von denen braucht man sie nicht mehr so sehr. Man muss jetzt tatsächlich klug oder lustig oder selbstbewusst oder hübsch oder nett sein, um anzukommen. Und die große Frage, die in dieser Zeit über allem schwebt, ist, ob einem das, so wie man ist, irgendwie gelingen wird. Also sammelt man Indizien. Du siehst in der Disco ein paar Leute, die über deine Art zu tanzen grinsen, und schließt daraus, dass du ein Freak bist, der sein Leben am besten in einem abgedunkelten Raum verbringen sollte, wo keiner ihn sehen muss. Du bist eher dick oder eher dünn oder schüchtern, oder du hast einen komischen Vornamen, weshalb du von anderen ignoriert wirst, und du denkst, dass es immer so bleiben wird. Wenn dich jemand anspricht, sagst du unlockere und viel zu ernste Sachen, woraus du schließt, dass du dein Leben als Sonderling verbringen wirst.

Aber du weißt noch gar nicht, wie groß die Welt ist. Und deshalb leitest du aus einer zu geringen Datenmenge zu viel ab. Du ziehst aus jedem Misserfolg die falschen Schlüsse und im Grunde auch aus jedem Erfolg: Nur weil du gut in der Schule bist und zudem stellvertretende Schulsprecherin, wirst du noch lange keinen Superjob haben. Nur weil dieses unglaublich tolle Mädchen dich geküsst hat und nicht deinen besten Freund, heißt das noch lange nicht, dass du das glücklichere Leben haben wirst.

Erst Jahre später begreifst du, wie viele Informationen dir gefehlt haben, und du kennst genau die richtigen Worte, die dir geholfen hätten. Und vermutlich hätte es auch damals ein paar Leute gegeben, die sie dir hätten sagen können, aber du hast niemanden gefragt, weil "es" dir so fürchterlich erschien. Du hast dich maximal mit deinem besten Freund darüber ausgetauscht, der aber genauso wenig Überblick hatte wie du selbst.

Und weil Teenager über solche Dinge gerne schweigen, haben wir Erwachsene gebeten, mit ihrem jungen Ich zu reden. Es sind Sätze, die Menschen sich selbst mitteilen würden, wenn es möglich wäre, einen Brief in die eigene Vergangenheit zu schicken. Natürlich in der Hoffnung, dass der eine oder andere von euch etwas damit anfangen kann.

Und wo wir gerade dabei sind, hier noch ein paar Dinge, die man meiner Ansicht nach möglichst früh wissen sollte, um sich Ärger und Umwege zu ersparen:

Dass es keinen Zwang gibt, Bücher zu Ende zu lesen, selbst wenn sie auf Deutschlandradio Kultur euphorisch besprochen wurden. Es gibt genauso viele langweilige Autoren auf der Welt, wie es langweilige Köche gibt.

Dass Leute, die einem außergewöhnlich charmant oder glanzvoll erscheinen, einem nach ein paar Monaten häufig unsympathisch sind, weshalb man es in solchen Fällen ruhig langsam angehen lassen kann.

Dass Kleider, die man in fremden Städten kurz vor der Abreise kauft, weil man nie wieder hinkommen wird, meistens ein Fehlkauf sind.

Dass Leute mittleren Alters sich freuen, geduzt zu werden, wenn man sie beispielsweise nach dem Weg fragt. Sowieso ist es fast immer eine gute Idee, nach dem Weg zu fragen, es sei denn, man will sich verirren, was auch eine gute Idee sein kann.

Dass Leute, nur weil sie Anzüge tragen, noch lange nicht wissen, was sie tun. Dass es überhaupt viele sehr verantwortungslose Leute gibt, die total ordentlich aussehen. Dass man in der Schule zwar die ganze Zeit hört, "Zivilcourage" sei eine gute Eigenschaft, dass diese aber im echten Leben selten mit Beifall belohnt wird. Was einen nicht abhalten sollte, mutig zu sein. Aber man darf nicht erwarten, dafür gelobt zu werden.

Dass es häufig sinnvoll ist, Probleme anzusprechen.

Dass aus jugendlichen Angebern noch größere Deppen werden, weil sie nichts dazulernen. Überhaupt, dass Dinge, die man an sich selbst besonders geil findet, anderen meistens eher auf die Nerven gehen, während die Dinge, die man an sich selbst besonders schlimm findet, anderen entweder gar nicht auffallen oder bei diesen auf Empathie und Verständnis treffen. Dass man sich deshalb im Zweifelsfall ruhig von seiner schwachen Seite zeigen kann.

Wird es jemals besser?

Ja, das tut es. Eines Tages hat man zumindest kapiert, dass das Problem, das einen gerade beschäftigt, sich irgendwann später ganz anders darstellen wird, weshalb man es schon jetzt nicht so ernst nehmen muss – was auch immer "es" ist.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren
scrambled Ex
#1  —  26. August 2016, 10:38 Uhr

Der Peter Gauweiler hat ja ach so recht (Seite 7).
Handwerk statt Akademiker.

Ich würde jedem nur raten, die Finger vom Studium zu lassen. Leider wurde ich - einer Akademikersippe entstammend - dazu gezwungen.

Als Akademiker ist man heute der A., wenn man es nicht schafft, sich ein Netzwerk aufzubauen. Also wenn schon, dann: schleimen, kriechen, Markierungen setzen. Und ja nicht darauf bauen, dass man mit Fleiss ja 'gut' sein wird. Fragt nämlich keine Sau nach.