Jugend: Ich sehe was, was du nicht siehst

Natan Grossmann

88, HAT DAS GHETTO ŁÓDŹ UND SPÄTER AUSCHWITZ ÜBERLEBT. ER WOHNT HEUTE IN MÜNCHEN

Als ich 15 war, 1942, war ich schon ganz alleine auf mich gestellt. Ich komme aus einer jüdischen Familie, wir waren sehr arm, mein Vater war Schuster. Anfang 1940 hatten uns die Nazis aus unserem Heimatort vertrieben, und wir mussten ins Ghetto Łódź ziehen. Zehntausende starben dort. Mein Vater war im Sommer 1942 von der Kriminalpolizei einbestellt worden. Die Beamten folterten in den Kellerräumen Juden, um von ihnen Wertsachen zu erpressen. Mein Vater kehrte nie zu uns zurück. Meine Mutter und ich hatten fast nichts zu essen, und von ihren kleinen Rationen gab mir meine Mutter immer etwas ab. "Beide werden wir nicht überleben", sagte sie zu mir. Am 19. September 1942 starb sie in meinen Armen. Ihre letzten Worte waren: "Nussele" – das war mein Spitzname –, "nur du tust mir leid."

Ich habe mir sehr lange Vorwürfe gemacht für ihren Tod. Wenn ich das Essen, das sie mir von ihren Rationen gab, verweigert hätte, vielleicht hätte sie überlebt? Erst viel später sagte mir eine Frau: "Deine Mutter tat das, was fast jede Mutter getan hätte. Sie rettete ihr Kind." Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich mir jahrelange Qualen erspart.

Ich war jetzt 15 und ganz alleine. Ich lebte in Kellern oder draußen auf der Straße. Der Winter 1942 war sehr kalt, und hätte mich nicht irgendwann unser Hausmeister bei sich aufgenommen, wäre ich erfroren. Ich bekam dann die Möglichkeit, in einer Schmiede zu arbeiten. Dort gab es eine Extrasuppe, außerdem war es warm vom offenen Feuer. Der Vorsitzende des Judenrates im Ghetto war der Meinung: Nur durch Arbeit würden wir überleben. Wie sehr er sich täuschte! Wir hätten uns wehren müssen, im großen Stil Waffen zu schmieden!

Als ich 1946 ins spätere Israel kam und in einem Kibbuz lebte, erhielt ich auch eine Ausbildung an der Waffe. Ich dachte mir: Hätte ich das alles nur früher gewusst! Hätten wir uns im Ghetto Łódź doch nur verteidigen können und die Nazis bekämpft! Einige Israelis nannten uns Überlebende verächtlich "Seife". Es gab den Irrglauben, die Nazis hätten die Leichen zu Seife verarbeitet. Wir waren die Schwächlinge, die sich nicht gewehrt hatten. Auch deshalb redete ich lange Zeit nicht über meine Erlebnisse. Ich versuchte das alles zu vergessen. Erst die Dokumentarfilmerin Tanja Cummings, die mich für ihren Film Linie 41 aufspürte, brachte mich zum Erzählen.

Was ich damals auch noch nicht wusste: welch fatale Rolle die Religion spielen kann. Der jüdische Klerus hatte uns Tausende Jahre lang gelehrt, der Messias werde uns erlösen. Mein Vater war sehr fromm. Also blieben wir nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen, anstatt wie mein Onkel in die Sowjetunion zu fliehen. Mein Vater hatte Gottvertrauen, die Atheisten in der Sowjetunion waren ihm ein Graus. Mein Onkel überlebte.

Ich habe nicht für die Ankunft des Messias gebetet. Ich habe gebetet: Die Rote Armee soll kommen! Die kam dann tatsächlich. Also wem sollte ich fortan glauben?

Karen Duve

54, IST SCHRIFTSTELLERIN. IHR NEUESTER ROMAN HEISST MACHT

Ich hätte gern gewusst, wie dringend notwendig es für mein späteres Lebensglück gewesen wäre, 1978 bei der Charles-Bukowski-Lesung in der Hamburger Markthalle dabei zu sein.

Rapduo SXTN

NURA HABIB OMER, 27, UND JUJU WESSENDORF, 23, SIND BERLINER GANGSTA-RAPPERINNEN

ZEITmagazin: Eure Raptexte sind unverschämt und furchtlos. Wart ihr immer schon so drauf?

Juju: Nee. Wir haben uns kennengelernt, als ich 17 war, und haben die ersten Jahre wie die Penner gelebt. Zu der Zeit herrschte auch Funkstille zwischen meiner Mutter und mir. Ich hatte keinen Job, wusste nicht, was ich machen soll, wie man eine Wohnung sucht, eine Bewerbung schreibt, einen Tag strukturiert. Deswegen habe ich mir dann diesen Plan gemacht. Als Erstes habe ich mir Schritte überlegt, wie es weitergeht. Einer war: rappen und richtig gut werden. Ich war damals noch nicht so selbstbewusst. Wenn man nichts hat, kann man auch kein Selbstbewusstsein haben. Ich hab mich nach und nach selbst therapiert und mir immer wieder gesagt: Es steckt in dir.

Nura: Ich habe damals immer so getan, als würde ich irgendetwas Krasses machen, und habe mich dafür feiern lassen. Und wenn am Montag wieder alle zur Arbeit gingen, lagen wir verkatert im Bett und überlegten uns, wo wir jetzt Pfandflaschen wegbringen können.

Juju: Ich hatte immer 150 Euro Kindergeld. Sonst nichts.

ZEITmagazin: Was hättet ihr damals gerne gewusst?

Juju: Dass Schule nicht so wichtig ist. Meine Mutter hat die ganze Zeit gesagt: "Du musst gut in der Schule sein, sonst schaffst du es nicht." Aber ich kam mit diesem Konzept Dasitzen und Zuhören überhaupt nicht klar. Ich hätte mich viel lockerer machen sollen. Wenn ich jetzt noch mal zurückspulen könnte, würde ich mir sagen: "Ich muss nicht unbedingt Abitur machen. Ich mache die Hauptschule einfach zu Ende, und danach konzentriere ich mich auf die Musik." Und in Bezug auf die anderen Jugendlichen hätte ich mir gesagt: "Scheiß drauf, was die denken." Man rechtfertigt sich ja die ganze Zeit und versucht etwas zu sein, was man nicht ist. Das ist das Schlimmste. Du kommst in die Pubertät und fängst an, nicht mehr du selbst zu sein. Das hätte ich mir nicht nehmen lassen sollen.

Nura: Und ich habe damals viel für andere Menschen getan und ständig gedacht, ich muss sie überzeugen, dabei hätte ich einfach nur ich selbst sein sollen. Erst wenn man etwas für sich tut, kann man auch etwas für andere tun. Ach, und auf jeden Fall auch ganz wichtig: Augenbrauen dranlassen! Weggezupfte Augenbrauen sehen einfach scheiße aus.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren
scrambled Ex
#1  —  26. August 2016, 10:38 Uhr

Der Peter Gauweiler hat ja ach so recht (Seite 7).
Handwerk statt Akademiker.

Ich würde jedem nur raten, die Finger vom Studium zu lassen. Leider wurde ich - einer Akademikersippe entstammend - dazu gezwungen.

Als Akademiker ist man heute der A., wenn man es nicht schafft, sich ein Netzwerk aufzubauen. Also wenn schon, dann: schleimen, kriechen, Markierungen setzen. Und ja nicht darauf bauen, dass man mit Fleiss ja 'gut' sein wird. Fragt nämlich keine Sau nach.