Harald Martenstein: Über schockierende Schockfotos

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 34/2016

Neuerdings gibt es in Deutschland diese schockierenden Schockfotos von Schock-Krankheiten auf den Zigarettenpackungen. Nun war ich in Italien und hatte den Eindruck, dass dort andere Fotos verwendet werden als bei uns. Angeblich sind es EU-weit die gleichen Fotos. Aber die mir aus Deutschland bereits vertrauten verfaulenden Zähne und die eklig suppende Raucherlunge kriegt man in Italien irgendwie nicht. Die deutschen Schockfotos sind deutlich gruseliger und blutrünstiger als die italienischen. Es ist wie der Unterschied zwischen Hitler und Mussolini, verstehen Sie? Die Deutschen übertreiben wirklich alles.

Die italienischen Fotos zeigen vorzugsweise eine gut aussehende Blondine, die eine rote, keineswegs unappetitlich wirkende Flüssigkeit in ihr Taschentuch hustet. Wenn dieses Zeug kein leckerer Tomatensugo ist, will ich Beppe Grillo heißen. Ein anderes Foto zeigt offenbar eine Transgenderperson, die mit sichtbarem Vergnügen einem Säugling Zigarettenrauch ins Gesicht pustet. Die Person scheint zu denken: Der Fortschritt ist auf meiner Seite, Baby. Auf wieder einem anderen, Text: Rauchen verursacht Herzanfälle, ist ein engelhaft schöner, höchstens 25-jähriger Herztoter zu sehen. Eigentlich hätten sie "Raucher haben mehr Sex und sterben manchmal sogar dabei" unter das Bild schreiben müssen.

Ich liebe die Italiener für die Eleganz, mit der sie EU-Vorschriften unterlaufen. Alle Bilder sind überdeutlich mithilfe des Computers komponiert, sie zeigen garantiert Schauspieler oder Models – wenn Sie’s nicht glauben, fliegen Sie doch nach Rom und kaufen sich eine Stange Marlboro. Außerdem, welche Familie könnte so herzlos sein, dass sie den toten Opa jahrelang als Schockfoto durch die EU cruisen lässt? Ist der Tod für einen Raucher immer noch nicht Strafe genug?

Als ich zurück war, habe ich "Schockfotos" gegoogelt und bin auf ein Schockfotodrama aus Niederösterreich gestoßen. Es stand in Bild, aber weil Bildblog, das alle Falschmeldungen jener Zeitung mit der Zuverlässigkeit eines Atomreaktors aufdeckt, nicht Alarm geschlagen hat, bin ich geneigt, die Story zu glauben. Johanna Wegerer aus Waidmannsfeld hat auf einer Zigarettenpackung das Foto ihres verstorbenen Mannes Franz entdeckt. Er trug ein Beatmungsgerät, und der Text hieß: "Rauchen verursacht Schlaganfälle und Behinderungen". In diesem Fall hatte das Schockfoto wirklich seinen Namen verdient. Franz, 59, war nämlich an einem Gehirntumor verstorben und hatte im Leben keine einzige Zigarette geraucht, laut Witwe nicht mal als Jugendlicher. Behindert war er auch nicht. Zu dem Vorfall äußerte sich die Europäische Kommission. Sie wies, wie immer, alle Vorwürfe zurück. Das Foto zeige "einen deutschen Mann". Welche Folgerollen werden einem nach einem Model-Auftritt als toter Raucher eigentlich angeboten? Reicht das schon fürs Dschungelcamp?

Johanna Wegerer hat 130 Unterschriften von Waidmannsfelder Mitbürgern gesammelt, die alle bezeugen können, dass auf dem Foto ihr Nachbar Franz zu sehen ist und kein deutscher Mann. Das Krankenhaus sagt, so ein Beatmungsgerät wie auf dem Foto habe Franz niemals getragen, es muss bei der Schockbildbearbeitung dazugekommen sein.

Ich aber frage mich, in Anbetracht der Diskussion über die EU-Außengrenze, wieso man an dieser Grenze nicht einfach Schockfotos von auf Leiche geschminkten EU-Kommissaren aufstellt, die Beatmungsgeräte tragen. Die einen schreckt es ab, und die anderen lernen gleich, warum es so viele EU-Skeptiker gibt.

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Kommentare

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Vielleicht liegt es bei Frau Johanna Wegerer ja auch an der Verwirrung.

War der liebe Franz jetzt ihr Mann (vorletzter Absatz), oder doch nur ihr Nachbar, wie im letzten Absatz zu lesen ist? Oder waren sie verheiratet, wohnten aber getrennt? Oder wurde dieser Text aus dem Italienischen mittels Google Translator übersetzt? Fragen über Fragen.

Jedoch ist nach wie vor zu bezweifeln, ob diese Fotos irgend jemanden vom Rauchen abbringen. Sie nerven, und sie kurbeln den Absatz von Zigarettendosen und Pappüberziehern an, aber das war es auch schon.

Franzl321
#2  —  30. August 2016, 9:48 Uhr

Ich muss sagen, mir gehen diese Schockfotos gewaltig auf den Sack. Wenn ich mal mit dem Rauchen aufhöre, dann sicherlich nicht, weil diese Fotos so schockierend sind (hat man ja alles schon gesehen), sondern weil sie so unfassbar hässlich sind. Da sitzt man im Biergarten beim Essen und nebendran liegt ein Foto von abgefaulten Zehen - geht's noch?
Zumal man als Nichtraucher davor ja auch nicht gefeit ist. Irgendein Raucher bringt schon seine Schachtel mit Blut hustenden Damen oder verfaulten Lungen mit. Das ist wirklich ekelhaft.

Wieso kleben wir auf Sportwagen nicht Fotos von verkohlten Leichen? Auf Schnapsflaschen fette, ungepflegte Alkoholiker? Auf Happymenus adipöse Kinder? Oder besser gleich Fotos von verfaulten Gelenken nach einem Leben als Übergewichtiger.

Warnhinweise, Rauchverbote in Kneipen, Werbeverbote usw. ist alles in Ordnung. Als Raucher habe ich auch keinen Bock auf eine zugequalmte Kneipe oder Restaurant (ist mir sowieso unbegreiflich wie man das als Restaurantbesitzer jemals erlauben konnte). Aber diese Gängelung ist echt unmöglich.

Aus unerklärlichen Gründen finde ich die ins Taschentuch hustende Blondine am ekligsten von allen. Eben weil sie nicht so verfault ist, sondern weil sie bei mir das Gefühl auslöst, dass ich schon morgen an dem selben Punkt angekommen sein könnte. Der verfaulte Zahn und das Baby mit dem qualmenden Schnuller sind gefühlt zu weit von meinem Leben entfernt.

Ich sitze übrigens gerade auf Sardinien und rauche meine "Guten-Morgen-Zigarette" auf der Terrasse.
Habe mir fest vorgenommen, am Sonntag am Flughafen kurz vor dem Rückflug in die Heimat meine letzte Kippe zu rauchen. Falls die Rettung meiner Lunge doch zu spät kommt, gebe ich hiermit die Einwilligung, mein Foto als Schockfoto zu benutzen. Mit der Bedingung mir ein Sixpack zu photoshoppen. Ein bisschen Reststolz habe ich ja auch noch.

"Eben weil sie nicht so verfault ist, sondern weil sie bei mir das Gefühl auslöst, dass ich schon morgen an dem selben Punkt angekommen sein könnte. Der verfaulte Zahn und das Baby mit dem qualmenden Schnuller sind gefühlt zu weit von meinem Leben entfernt."

Ja richtig. Und ich denke man sollte sich dahingehend nochmal Gedanken machen, anstatt nur die Devise zu verfolgen, die größtmöglichen Eckelbilder drauf zudrucken.