Paolo Pellegrin: Am Rande der Stadt

Paolo Pellegrin zog aus, um Fotos von seiner Geburtsstadt Rom zu machen. Zurück kam er mit Bildern einer Roma-Familie, die ihn an Italien vor hundert Jahren erinnern. Von
ZEITmagazin Nr. 35/2016

Im Sommer 2015 betritt Paolo Pellegrin die ehemalige Autowerkstatt in der Nähe der Marconi-Brücke zum ersten Mal. Ostiense ist ein altes Industrieviertel in Rom, und hinter der Mauer, die den Innenhof der Werkstatt vor Blicken abschirmt, öffnet sich für Pellegrin eine Welt, die ihn so fasziniert, dass er sie in den folgenden Wochen immer wieder besucht, bei Tag und bei Nacht.

Paolo Pellegrin, Jahrgang 1964, ist Fotograf, mit Kriegsbildern aus dem Kosovo und dem Libanon ist er bekannt geworden. Er lebt in London und in Genf und ist die meiste Zeit des Jahres unterwegs. Auch für das ZEITmagazin hat er große Reportagen fotografiert, zuletzt den Hamburger Hafen. Geboren ist Pellegrin in Rom. Hier hat er vor drei Jahrzehnten als junger Fotograf seinen Blick geschult. Für eine seiner ersten Reportagen umkreiste er mit der Kamera eine bosnische Roma-Familie, die sich von Rom aus auf den Weg in ihre alte Heimat gemacht hatte, um ein Kind zu beerdigen. Heute sagt er, er habe damals einen romantischen Blick auf die Roma gehabt, inspiriert durch die Filme des bosnischen Regisseurs Emir Kusturica.

Im Sommer 2015 kehrt Pellegrin für ein großes Fotoprojekt zu seinem Sujet zurück. In dem Werkstatt-Gebäude wohnt die Roma-Familie Sedyc, auch sie stammt aus Bosnien. Pellegrin will die Familie Sedyc in ihrem Alltag begleiten und herausfinden, wie Roma heute in einer europäischen Großstadt leben. Er stellt sich auch die Frage, welche Wirklichkeit er abbildet, wenn er Roma fotografiert. Wie Erwartungen und Vorurteile den Blick verzerren.

Schon lange leben Roma in Italien. Etwa 180.000 sollen es insgesamt sein, ihre Zahl hat in den letzten Jahren zugenommen. Während des Jugoslawienkriegs in den neunziger Jahren flohen viele Roma vom Balkan, auch nach Italien, und mit der EU-Osterweiterung kamen Roma aus Rumänien und Bulgarien dazu.

Nomadi nennen die Italiener ihre Roma. Im Jahr 2008 rief die Regierung einen "Nomaden-Notstand" aus, weil viele Roma in selbst gezimmerten Unterkünften auf der Straße hausten, und man drängte sie, in städtische Behelfsunterkünfte zu ziehen. Heute wohnt die Mehrzahl der 8.000 Roma der Hauptstadt in Containern, oft am Stadtrand. Als Bettler prägen manche von ihnen das Bild, das viele sich von den Roma machen. "Sie werden in Italien sehr stigmatisiert", sagt Pellegrin. "Die Leute denken, viele Roma stehlen. Es gibt natürlich Fälle, aber die Mehrheit tut es nicht."

Als er die Familie Sedyc zum ersten Mal aufsucht, führt ihn ein Freund der Familie dort ein, er sagt, die Sedyc seien "eine Ausnahme" – also nicht das, was man womöglich von einer Roma-Familie erwarte. In dem grünen Innenhof spielen viele Kinder. Ein alter Wohnwagen steht da neben einem kaputten Sofa, auf dem die Kinder herumspringen. Das Werkstattgebäude ist auf einfache Weise renoviert und zum Wohnhaus umgebaut worden.

Pellegrin wird Sevla vorgestellt, der Matriarchin. Sie ist Anfang 50 und lebt hier mit ihrem Mann Vejsil. Bei ihnen wohnen ihre neun Kinder und deren Kinder, und wer die vielen Besucher sind, ist manchmal schwer zu sagen. Mal sind es 20, mal 30 Leute in Haus und Hof.

Sevla erlaubt Pellegrin, Fotos zu machen, wann immer er möchte. Sie erzählt, dass sie Tänzerin und Schauspielerin war, und sie zeigt ein altes Foto, auf dem sie als junge Frau in einem weißen Kleid zu sehen ist, da war sie bereits in Italien. Heute arbeitet sie gelegentlich als Dolmetscherin, wenn Mitarbeiter der Stadt mit Roma sprechen wollen, die anders als die Mitglieder der Familie Sedyc kein Italienisch verstehen.

Vor mehr als 30 Jahren sind die Sedyc nach Italien gekommen, auf der Suche nach ein wenig Wohlstand. Lange haben sie in einem der großen Roma-Lager gelebt – bis vor neun Jahren Priscilla geboren wird, ein Mädchen mit Downsyndrom. Die Familie will das behinderte Mädchen nicht in dem Lager großziehen und sucht nach einer Wohnung. Sie findet nur die leer stehende Werkstatt, in die sie dann einzieht, ohne jemanden zu fragen. Später sorgt die Stadt für einen Mietvertrag.

In den Wochen nach der ersten Begegnung fotografiert Pellegrin die Kinder, die im Innenhof herumtoben. Er begleitet die jungen Männer ins Schwimmbad und an den Strand, und als Razia, die älteste Schwester der Matriarchin, zu Besuch ist und sich für ein Nickerchen neben Priscilla ins Bett legt, darf Pellegrin ihr ins Schlafzimmer folgen und auf den Auslöser drücken.

Ihn beeindruckt der ungewöhnliche Familiensinn der Roma, auch ihre Offenheit. Freundlich wird er aufgenommen, er isst mit zu Mittag und zu Abend. Das Treiben im Innenhof erinnert ihn an "Italien vor hundert Jahren", als die Welt für die Landbevölkerung allein aus der Großfamilie bestand. Fremd fühlt er sich auch, und manches ist für ihn schwer zu verstehen. Sevla, die Matriarchin, legt zwar Wert darauf, dass alle Kinder eine Schule besuchen, aber von den Erwachsenen hat keiner eine feste Arbeitsstelle. Alle leben von Gelegenheitsjobs, die Männer helfen auf dem Bau aus. "Wenn einer eine Woche lang gearbeitet hat, ist es erst mal gut. Bis das Geld weg ist", sagt Pellegrin. Er wertet das nicht, es sei "eine andere Geisteshaltung".

Die meisten Mitglieder der Familie Sedyc besitzen einen italienischen Pass, aber mit alteingesessenen Italienern haben sie wenig zu tun. "Wirklich integriert sind sie nicht, und sie wollen das auch gar nicht sein. Sie wollen ihren Lebensstil beibehalten." Sevla erzählt, dass Verwandte ihres Clans vor längerer Zeit nach Deutschland gezogen sind. Ihnen gehe es besser als dem italienischen Zweig der Familie, sie seien auch besser integriert. Aber die Sedyc wollen in Rom bleiben, sie fühlen sich als Italiener. Die Stadt hat Sevla Geld gegeben, damit sie einen Waschsalon eröffnen und ihre Familie hoffentlich bald besser versorgen kann.

Paolo Pellegrins Bilder entstanden für die Fotoreihe Rome Commission. Das Italienische Kulturinstitut beauftragt jedes Jahr einen bekannten Fotografen, sich ein Bild der Stadt Rom zu machen. Berühmte Fotokünstler wie Martin Parr und Alec Soth haben schon an diesem Projekt teilgenommen. Die meisten begeben sich ins Zentrum, in die Schönheit Roms. Pellegrin hat sich an den Rand gewagt. Er hat sein Bild der Stadt Rom auf eine Familie reduziert, aber das Werk ist deshalb nicht klein geraten.

Zur Ausstellungseröffnung in Rom kam die ganze Familie Sedyc.

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