Gesellschaftskritik: Über Mütter und Söhne

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 36/2016

Usain Bolts Mama hat neulich CNN ein Interview gegeben. Auf die Frage, was sie sich denn für ihren Sohn wünsche, wenn der bald aufhöre, Wettkämpfe zu laufen, hat Jennifer Bolt Folgendes gesagt: "Ich hoffe, dass er dann häuslich wird, heiratet und eine Familie gründet."

Damit ist zumindest aus der Sicht der Gesellschaftskritik der Beweis erbracht, dass jede, wirklich jede Mutter den Coolness-Faktor ihrer Kinder wenigstens um die Hälfte reduziert. In besonderer Weise gilt das für Söhne, die ja eh schnell in den Verdacht geraten, unter dem Matriarchat zusammengefaltet zu werden. Da kann ein Usain Bolt noch so viele Weltrekorde brechen und Goldmedaillen einheimsen, Geld und Ruhm anhäufen und mit seiner Rocket-Man-Pose ein Blitzlichtgewitter auslösen – Mama Bolt schafft es, das in uns allen eine unangenehme Kindheitserinnerung hochkommt: Taschentuch raus, leicht draufgespuckt, Mund vom Gör abgewischt. Und schon bleibt der Raketen-Mann auf der Erde.

Mama Bolt nahm, um im Bild zu bleiben, das Taschentuch dabei ganz dezent in die Hand. Sanft im Ton, hart in der Sache, äußerte sie ihren Wunsch eher zurückhaltend, nicht so muttermäßig mit "Ich will jetzt wirklich bald Enkelkinder"-Druck. Dass Usain auch die Bibel lesen solle, kam dagegen schon etwas strenger rüber.

Nun, eine gewisse Erdung schadet ja nicht. Vielleicht sollten sich andere Mamas Jennifer Bolt sogar als Vorbild nehmen und ihre eigenen Raketen hin und wieder mal runterholen. Mama Böhmermann zum Beispiel: "Sohn, den Erdoğan ärgern deine türkischen Kollegen nun wirklich subtiler. Überlass das doch in Zukunft lieber denen. Gibt doch nur Ärger, Janni." Oder Mama Schweiger: "Im Fernsehen hast du ein Benehmen wie eine offene Hose, Sohnemann!" Oder Mama Bieber: "Die Tätowierungen werden dir eines Tages peinlich sein. Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede."

Aber vielleicht irrt die Gesellschaftskritik ja auch. Vielleicht ist das mit dem Taschentuch wirklich 80er, und Mütter sollten es mit dem römischen Dichter Terenz halten, der schreibt: "Alle Mütter sind ihren Söhnen Helferinnen bei Verfehlungen." Usain jedenfalls hält vom Großmutterwunsch seiner Mutter nicht so viel. So früh wie etwa Sportkollege Wayne Rooney zu heiraten – das sei einfach unfair, sagte der Jamaikaner jüngst. Bolt wird ja auch erst 30. Es gibt halt Dinge, bei denen selbst der schnellste Mann der Erde langsam aussieht.

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Mir kommen die Tränen, liebe Autorin - nein, wie isses denn nur möglich (Mutter Kempowski): Eine Sentenz aus einer altrömischen Alltagskomödie als Sahnehäubchen auf dem präsumtiven Hochzeitskuchen! "Nunc aliud specta: matres omnes filiis in peccato adiutrices" etwa in dem Sinne "nu egugge doch mal do, wat janz anderet: Alle Mütter sind für die Söhne Komplizinnen in der Sünde". Dummerweise geht der Satz weiter: "Auxilio in paterna iniuria solent esse: id non fit". Was nur bedeuten kann: "Daß sie gewöhnlich zu Hilfe kommen bei väterlichem Unrecht - dat jibt et nu mal jar nüscht". Sollte Usain also sich zum Urheber väterlicher Wiegenfreuden machen wollen - nicht mit Mutter als Kupplerin! Der römische Dichter Terenz war übrigens auch im Mittelalter besonders beliebt - und wo? In Nonnenkonventen (Hrotswith von Gandersheim sei meine Zeugin!) - wegen der drastischen Szenarien. Also, der Bogenschütze Bolt wird so schnell keine Nonne aus Jamaika oder jenseits von der Karibik bekehren. Und die gelehrten Damen unter den Häubchen (keineswegs Täubchen) - sie wußten auch, wer ihr Lieblingsdramaturg war: Ein maghrebinischer Freigelassener aus Karthago (Afer = Berber). Und wo steht die Mütter-Stelle? In "Heautontimorumenos", Der Selbstquäler, der sich von seinem listigen Sklaven Syrus (der Syrer) zeigen läßt, wie man dem Vater das Geld aus den Rippen leiert. Ein syrischer Filou kannte eben die orientalischen Mütter ...

"Vielleicht sollten sich andere Mamas Jennifer Bolt sogar als Vorbild nehmen und ihre eigenen Raketen hin und wieder mal runterholen."

Ich finde ja, Söhne sollen das Recht haben, ihren eigenes Ding zu machen. Ich muss das als Mama nicht gut finden, aber ihm zu sagen, wie er zu Leben hat und dass man sich Enkelkinder demnächst wünscht, oder wie er seinen Job zu machen hat, gehört nicht dazu.
Aber ich bin da, wenn er mich braucht, wenn der Job scheiße läuft, oder seine Lebensplanung nicht hinhaut und er den großen Lebensfrust hat, dann bin ich da, wenn er mag - und genauso bin ich da, wenn der Job gut läuft, oder sich ein Enkelkind ankündigt.
Aber ich bin nicht dafür da, ihm zu sagen, wie er sein Leben zu gestalten hat, wenn er erwachsen ist - er ist nämlich erwachsen, man muss sie gehen lassen.
Morgen, Frau Topçu, wird mein Sohn mal wieder operiert, das 5. Mal innerhalb von 4 Monaten und es wird nicht die letzte OP sein - da werde ich da sein, er ist in der Zeit 18 geworden und es waren beschissene erste Monate seines erwachsenen Leben - aber ich bin da, für ihn.