Matthias Brandt: Kanzlersturz ins Möhrenbeet

In aufgeheizter Stimmung fuhren Willy Brandt und sein Intimfeind Herbert Wehner zusammen Fahrrad – Brandts Sohn Matthias war dabei und erinnert sich an die Tour, die im Möhrenbeet endete. Von
ZEITmagazin Nr. 36/2016

Matthias Brandt, 54, ist ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler und der jüngste Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. In seinem Kurzgeschichtenband "Raumpatrouille", der am 8. September bei Kiepenheuer & Witsch erscheint, erzählt er aus seiner Kindheit in den siebziger Jahren. Wir veröffentlichen die Geschichte "Welthölzer".

Meine Mutter hatte mir gesagt, dass der Vater einen Fahrradausflug mit mir machen wolle. Das war insofern überraschend, als dass ich ihn bis dahin weder Fahrrad fahren gesehen noch überhaupt die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, er sei dessen fähig. Ich war der Ansicht gewesen, die einzige von meinem Vater eigenständig beherrschte Fortbewegungsart sei es, zu Fuß zu gehen und, mit Einschränkungen, zu schwimmen.

Es war mein, wenn auch kleiner, so doch dauerhafter Schmerz, dass die Väter all meiner Freunde selbstverständlich den Führerschein besaßen und Auto fahren konnten, nur meiner nicht. Waren wir im Urlaub ohne Dienstwagen und Chauffeur unterwegs, fuhr meine Mutter den Opel Rekord, und mein Vater saß schweigend auf dem Beifahrersitz. Außerdem hatte er gar kein Fahrrad, weshalb für ihn extra zu diesem Anlass ein solches beschafft werden musste.

Staunend stand ich in der Garage vor dem glänzenden neuen Herrenrad und fragte mich, wofür dieser Aufwand betrieben wurde. Nur um mit mir eine Runde durch den an unser Grundstück angrenzenden Wald zu drehen? Geschmeichelt von der Aufwertung, aber auch verunsichert, weil ich nicht wusste, welche Ursache diese hatte, wartete ich auf den folgenden Sonntag, an dem der Ausflug stattfinden sollte.

Wurde dieser Rahmen vielleicht nur gewählt, um mir mitzuteilen, dass es jetzt so weit sei und man mich, wie meinen Freund Christian ein halbes Jahr zuvor, ins Internat schicken würde? Wie sich zeigte, erwies sich diese Angst als unbegründet. Denn der eigentliche Anlass für den Ausflug war die Teilnahme eines Dritten, eines Arbeitskollegen meines Vaters, Herrn Wehner. Mit diesem war er offenbar zerstritten, was ein Hemmnis der gemeinsamen Arbeit darstellte.

Deswegen waren Mitarbeiter der beiden auf die Idee einer gemeinsamen Fahrradtour gekommen, um das Verhältnis zu entspannen.

Mir war in dem Plan die Rolle des, falls es so etwas gibt, Anstandskindes zugedacht worden. Man versprach sich von meiner Teilnahme wohl eine aufheiternde und gleichzeitig disziplinierende Wirkung, die beiden würden im Beisein des Jungen nicht gleich aufeinander losgehen. Ich selbst sah mich allerdings eher als der für das Gelingen verantwortliche Zeremonienmeister.

Herr Wehner, der mir immer, wenn ich ihn sah, leidtat, weil er seltsam schiefgesichtig war, erschien pünktlich am verabredeten Sonntagvormittag mit seinem offenbar regelmäßig in Gebrauch befindlichen Fahrrad.

Ich drehte mit meinem Bonanzarad bereits ein paar Runden auf dem Garagenhof und machte mir Gedanken über die zu fahrende Strecke im Kottenforst. Im Gegensatz zu den beiden Herren war ich ortskundig und damit gewissermaßen dafür verantwortlich, dass der Vater und sein Gast sich nicht im Gewirr der Waldwege verirrten und womöglich Staatsgeschäfte darunter zu leiden hätten.

Sollten wir eher den beliebten Weg in Richtung des Ausflugslokals Zur Waldau wählen? Oder wäre es besser, die beiden in einen weniger frequentierten Teil des Waldes zu leiten, damit die beabsichtigte Versöhnung nicht von neugierigen Ausflüglern gestört würde?

Dann fragte ich mich, wie es um die Fahrfähigkeiten meines Vaters bestellt war. Ob es nicht sicherer wäre, auf den zwar stärker frequentierten, aber auch breiteren und ebenen Hauptwegen zu bleiben, statt auf stillen Nebenstrecken ihn überfordernde Manöver zu riskieren, wie etwa einem herumliegenden Ast ausweichen zu müssen. So meine Gedanken.

Mit einigen Minuten Verspätung kam schließlich mein Atika rauchender Vater um die Ecke des Hauses.

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