Stilkolumne Wir packen das

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 37/2016

Der moderne Mensch ist wie nie zuvor mit dem Reisen verbunden. Längst ist es keine Sache von Privilegierten mehr, sich zwischen Kontinenten zu bewegen. Die Fernreise ist ein Bereich des Massentourismus – und hat nichts mehr mit Genuss zu tun. Es gilt eher, die Zeit dicht gedrängt im Flugzeug zu überstehen – die Entspannung fängt erst am Urlaubsziel an. Dorthin muss man seinen Koffer auf Rollen hinter sich herziehen. Mittlerweile ist des Geräusch der Reisezeit das Klackern von Kofferrollen auf den Straßen.

Als der Reisekoffer populär wurde, musste der Reisende ihn nicht tragen. Denn reisen konnten nur die Wohlhabenden – und die ließen sich die Koffer tragen. Menschliche Arbeitskraft war im 19. Jahrhundert billig zu haben. Entsprechend wenig Gedanken machte man sich um Packmaße. Die Koffer waren eher transportable Schränke, mit Kleiderstangen und Schubladen. Und sie hatten ein kegelförmiges Dach, damit der Regen abtropfen konnte. Als das Reisen mit Kreuzfahrtschiffen begann, entwickelten sich auch die Koffer weiter. Für eine entscheidende Änderung sorgte ein junger Koffermacher namens Louis Vuitton, der 1854 in Paris sein Geschäft Louis Vuitton Malletier eröffnete. Er setzte auf leichte, flache Koffer, die er mit wasserabweisendem Canvas überzog. Die rechteckigen Koffer konnte man in Kreuzfahrtschiffen unter das Kabinenbett schieben. So nahmen sie in der Kabine keinen Platz weg. Später wurden andere Transportmittel wichtig für das Reisegepäck, etwa die Staumaße von Auto-Kofferräumen. Die traditionellen Louis-Vuitton-Koffer werden immer noch im Pariser Vorort Asnières hergestellt. Doch was einmal als praktisch und modern galt, ist heute eher ein Teil für das Museum. Ein rechteckiger Koffer mit einem Griff ist heute nicht mehr sehr attraktiv. Der gängige Reisekoffer ist ein mit Rollen ausgestatteter Korpus, an den kaum noch ästhetische Ansprüche gestellt werden.

Das ist sehr schade. Auch von Louis Vuitton gibt es längst Rollkoffer mit klassischem Monogramm. Aber erst in jüngerer Zeit ist man wieder bemüht, wirklich moderne Koffer zu entwickeln. Der US-Designer Marc Newson hat für Louis Vuitton nun einen Rollkoffer entwickelt, der äußerst leicht ist und dessen Innenraum nicht eingeschränkt wird durch Teile der Griff- und Rolltechnik. Damit soll man genauso modern reisen wie einst mit den Canvas-Quadern von Herrn Louis Vuitton. Und wer will, kann sich noch immer einen Kofferträger dazubuchen.

Foto: Peter Langer / Das gerät leicht ins Rollen. Koffer von Marc Newson für Louis Vuitton

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