Nicole Atieno Das Gesicht dieser Tage

Von Dresden aus erobert sie die Laufstege in Paris, Mailand und New York. Aber begonnen hat Nicole Atienos Geschichte in Kenia. Von
ZEITmagazin Nr. 37/2016

Als die damals elfjährige Nicole aus Kenia in Dresden landete, sah sie etwas, das ihr Angst machte. Es war Schnee. Der erste ihres Lebens. Und Eis, das sie bis dahin nur als Lebensmittel gekannt hatte – nicht als etwas, das die Straßen bedeckte. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass es tatsächlich eine Welt gibt, in der die Außentemperaturen denen im Inneren einer Kühltruhe entsprachen. In Kisumu, der Stadt am Viktoria-See, aus der sie stammt, war es 35 Grad warm gewesen, und sie hatte alles hinter sich gelassen, was in ihrem Leben wichtig gewesen war. Ihre Hunde Simba und Mercy, ihre Katze, ihre Großmutter, ihre Onkel und Tanten. Aber immerhin wusste sie auch, was sie erwartete. Ihre Mutter war schon einige Jahre hier und hatte einen Rechtsanwalt geheiratet. Und nun nach der Adoption würde Nicole Dresdnerin werden.

Heute steht Nicole kurz vor ihrem 19. Geburtstag, den sie mitten in der Pariser Modewoche feiern wird. So wie auch schon ihren 18. Geburtstag, denn Nicole Atieno ist nun eines der gefragtesten neuen Models dieser Tage. Sie wurde von Designer Alessandro Michele schon fünfmal für den Laufsteg von Gucci gebucht und posierte für die Gucci-Kampagne und für Anzeigen von Bally. Auch für Bottega Veneta, Just Cavalli und Sonia Rykiel präsentierte sie Mode. Die amerikanische Vogue zählt sie zu den 16 wichtigsten Newcomern. Und dieser Modeherbst wird für Nicole vielleicht der entscheidende. Zum ersten Mal wird sie auf allen vier großen Modewochen dabei sein. In New York, London, Mailand und Paris.

Aber noch wichtiger als ihr persönlicher Erfolg ist die Botschaft, die mit ihrer Person verbunden ist. Mit Nicole Atieno wird zum ersten Mal eine afrikanische Migrantin zum wichtigen deutschen Model. Und ausgerechnet eine junge Frau aus Sachsen. Dem Bundesland, das in den vergangenen Monaten vor allem durch pöbelnde Pegida-Anhänger und Anschläge auf Flüchtlingsheime Schlagzeilen machte. Nun ist "Dresdens schönstes Gesicht" (so eine Lokalzeitung) eine Schwarze.

Nicole Atieno (die in ihrem Pass Nicole Horrion heißt) ist sich dieser Bedeutung nicht bewusst, oder sie will sie sich nicht vergegenwärtigen. "Ich habe nie schlechte Erfahrungen in Dresden gemacht." Rassismus sei in ihrem Leben noch kein Thema gewesen. "Aber ich bin ja auch kaum noch in Dresden", fügt sie hinzu. Nicole verbringt sehr wenig Zeit zu Hause, sondern fliegt von Shooting zu Shooting. Die anhaltende Diskussion über die Frage, warum kaum schwarze Models auf Schauen vertreten sind, hat die Aufmerksamkeit für Menschen wie sie erhöht. Dass sie Deutsche ist, spielt dabei keine Rolle. "Die meisten halten mich für eine Französin, sie denken sogar, ich hätte einen französischen Akzent", sagt sie. Ihr deutscher Pass erleichtert ihr die Karriere allerdings: Denn als Bundesbürgerin darf sie fast überallhin reisen. So ist sie eine der wenigen 18-Jährigen, die sich nicht entscheiden können, ob ihre Lieblingsstadt London oder New York ist. Eigentlich müsste sie in Dresden in die elfte Klasse gehen, aber sie hat die Schule in Dresden verlassen und nimmt nun Fern-Unterricht. "Das Anstrengende an der Schule ist ja nicht das Lernen", sagt sie, "sondern das Hingehen und Dasein." Nun lernt sie, wo immer sie gerade ist. Im Flugzeug, im Zug, beim Warten bei Castings. Eigentlich ist sie schon keine Deutsche mehr. Sie ist nun eingebürgert worden in die Gemeinschaft derer, die ständig reisen, überall auf der Welt Freunde haben und sich eigentlich in jeder Metropole irgendwie zu Hause fühlen. Und diese Überallwelt ist für sie sogar in Dresden. Ihre ersten Freunde waren andere Kinder aus dem Ausland, im Unterrichtsfach Deutsch als Fremdsprache. Ihre beste Freundin ist Ukrainerin.

Ihr Aussehen macht sie zu einer begehrten Frau auf dem Modelmarkt. Aber Nicole Atieno bringt noch mehr mit als ihr Äußeres. Nämlich einen eisernen Willen. Viele Models in ihrem Alter werden von Trendscouts entdeckt, Nicole aber wollte schon immer in die Mode. Nicoles Mutter hat selbst nebenbei als Model gearbeitet, bevor sie eine Anstellung als Rechtsanwaltsgehilfin in Sachsen fand und dort heiratete. "Schon als ich noch in Kenia lebte, war ich fasziniert von der Modewelt", erzählt die Tochter. Nicole Atieno sog alles auf, was mit Mode zu tun hatte, besonders fasziniert war sie von Naomi Campbell. Sie lernte sogar, deren Catwalkgang zu imitieren. Als Jugendliche machte sie sich selbst auf die Suche nach einer Modelagentur. Und fand schließlich eine in Wiesbaden. "Ich wollte lieber bei einer kleinen Agentur sein, wo ich besser betreut werde." Überrascht war sie nicht, als man sie unter Vertrag nahm, überrascht war sie, als sie an ihrem ersten Casting teilnahm. "Ich hatte mir das weniger chaotisch vorgestellt."

Die Ordnung, so stellt sie immer wieder fest, sei das, was sie an Deutschland sehr mag. Die Verlässlichkeit und dass Menschen Verantwortung für ihr Tun übernehmen. Was sie nicht so mag, ist Weihnachten. "An Weihnachten sind in Deutschland alle im Wohnzimmer und feiern für sich. In Kenia sind alle draußen und feiern gemeinsam."

Vielleicht sind diese Dinge der Grund, weshalb sich Nicole Atieno nicht als Deutsche fühlt. "Ich fühle mich als Deutsch-Kenianerin", sagt sie. Sie ist nicht eine, die nie ganz in Deutschland angekommen ist. Sie ist einfach schon weitergezogen.

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