Gesellschaftskritik: Über Promipromotionen

© Muhammad Hamed/​Reuters
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 37/2016

"Ich habe mich entschieden, den nächsten Schritt auf meinem akademischen Weg zu gehen", offenbarte die Schauspielerin Ashley Judd vor Kurzem ihren Fans. Auszuschließen ist es nicht, dass für einen Teil des Publikums dieses Adjektiv ungewohnt war: aka-was? Akademisch? Immerhin lag ein Schwerpunkt von Judds bisherigem Schaffen im actionreichen Genre: Sie trat unter anderem in Olympus Has Fallen auf und in einer Trilogie namens Die Bestimmung, Filmen, in denen eher scharf geschossen wird statt scharf nachgedacht. Doch auf Action soll nun die Dissertation folgen: Judd wird Doktorandin in Berkeley.

Chapeau! In einem Alter, in dem andere eher die Kinder zur Uni schicken, schreibt sich Judd selbst noch mal ein. Die 48-Jährige muss es ernst meinen, für ihren politikwissenschaftlichen Promotionsstudiengang gibt es nur eine Handvoll begehrter Plätze, und wer einen davon haben will, muss einen harten Auswahlparcours durchlaufen. Akademische Action sozusagen. Wer sich nun über Judds Genrewechsel wundert, der hat wohl – typischer Zuschauerfehler! – einfach die Darstellerin mit ihren Figuren gleichgesetzt.

Leselampe statt Scheinwerfer, was für eine humboldthafte Entscheidung in der Karrieremitte einer Schauspielerin. Da hinterfragt man unwillkürlich die eigenen Jobpläne. Oder zumindest die eigenen Vorurteile. Zum Beispiel jenes, dass man jenseits der dreißig nichts mehr an der Uni zu suchen hat. Oder dass Unterhaltungspromis ihre Vorbildfunktion vor allem dahingehend nutzen, den Horizont ihres Publikums ins castingshowhaft Debile zu erweitern.

Frau Dr. in spe hat es also erstens schon einmal geschafft, eine inspirierende Irritation in den steten Strom der Celebrity-News zu schleusen. Und zweitens tauscht sie einen glamourösen Job gegen echt harten Stoff. Mit Menschenschmuggel und Geschlechterfragen wolle sie sich beschäftigen, erklärte Judd. Was jeden Verdacht tilgen dürfte, da begebe sich nur jemand für ein Gastspiel aus der Traum- in die Titelfabrik, lege sozusagen ein Sabbatical für akademische Weihen ein.

Vor ein paar Jahren hatte Judd in Harvard einen Verwaltungs-Master mit einer Arbeit zu Geschlechtergerechtigkeit abgeschlossen. Ihre Prominenz nutzte sie, um auf Missstände aufmerksam zu machen, im Frühjahr wurde sie ehrenamtliche Botschafterin für die Anliegen weiblicher Jugendlicher beim Weltbevölkerungsprogramm der Vereinten Nationen. Sieht ganz so aus, als hätte hier jemand seine Traumrolle gefunden.

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