Die großen Fragen der Liebe Soll er nach ihren Lügen forschen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 38/2016

Die Frage: Inga und Hans planen nach einer langen Wochenendbeziehung eine gemeinsame Wohnung. Sie verstehen sich prächtig – bis zu einem Abend. Angeregt durch einen alten Film über Sex, Lügen und Videos fragt Hans, ob ihn Inga schon einmal belogen habe. Sie denkt kurz nach und grinst. "Erinnerst du dich an deine Fragerei nach meinen früheren Liebhabern, als wir die ersten Wochen zusammen waren?" – "Ja, da hast du erzählt, dass es zwei waren, der eine sei hässlich gewesen, aber potent, der andere sehr hübsch, aber impotent", weiß Hans prompt. "Und hast du das geglaubt?", will Inga wissen. "Natürlich!", sagt Hans. "Das war gelogen. Der eine sah auch ganz gut aus, und der andere war nicht impotent!" Inga lacht, und Hans muss mitlachen. Später fragt er sich, ob das die einzige Lüge war.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Sicher wäre es korrekter, die inquisitorische Frage nach früheren Liebhabern entweder abzuweisen oder aufrichtig zu beantworten. Aber Inga hat nicht eigennützig gelogen, sondern sich etwas einfallen lassen, um Hans nicht vor den Kopf zu stoßen. Vielleicht hat sie sogar gehofft, dass Hans die Scharade durchschauen würde. Inzwischen ist sie über solche Schönfärbereien hinausgewachsen, kann sie sich eingestehen und findet sie komisch. Hans sollte ohne Hintergedanken in das Gelächter einstimmen und anerkennen, dass Inga nicht darauf bestanden hat, ihm ähnliche Kontrollfragen zu stellen. Wer erst einmal den Lügendetektor einschaltet, droht den Glauben an die Liebe zu verlieren, denn nicht jede Lüge ist lieblos, nicht jede Wahrheit liebevoll.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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