Budapest Kinder an der Macht

Aber sie gibt zu, dass Gaudiopolis nur funktioniert hat, weil das Projekt für László, Béla, Andor und für die anderen Jungs bitterer Ernst war. Deswegen erinnern sich der pensionierte Pfarrer Keveházi, der Dichter Jancsó, der Physiker Andrási und die anderen alten Männer nicht so genau an das Ende ihrer gelebten Utopie. Den letzten Tag der Kinderrepublik haben sie verdrängt.

Im Jahr 1951 jährt sich die stalinistische Verfassung Ungarns zum zweiten Mal. Diktator Mátyás Rákosi lässt auch den letzten Dissidenten festnehmen und einsperren. Die Kommunistische Partei duldet keine kritischen Gedanken oder private Initiativen. Rákosi ordnet an, Gaudiopolis zu verstaatlichen. Den Apparatschiks ist das pädagogische Konzept zu individualistisch. Gábor Sztehlo muss, kurz nachdem die Villa der Wölfe von den Behörden übernommen wird, sein Projekt von Gaudiopolis aufgeben, er kümmert sich nun in einem Altersheim um kranke Senioren. Als der politische Druck auf ihn größer wird, flieht er in die Schweiz. Die rund 300 Kinderbürger sind nun auf sich allein gestellt. Viele verlassen Buda und versuchen ihr Glück im Ausland, vor allem in Westeuropa. Die Erwachsenen haben schon wieder ihre Welt zerstört. Die meisten ehemaligen Gaudiopolis-Bürger sprechen deswegen nicht gern über solche und andere schwierige Momente in der Gaudiopolis-Geschichte. Stundenlang reden sie auch an diesem Nachmittag ihres Jahrestreffens lieber über die gemeinsamen Ausflüge an den Balaton oder die Olympischen Spiele von Gaudiopolis, bei denen jedes Kind eine Medaille gewonnen hat.

Der heute 79-jährige Mátyás Sárközi ist einer der wenigen, die auch andere Worte finden. Der konservative Autor, der für den ungarischen Rundfunk arbeitet, lebt in London, für das Jahrestreffen ist er nach Budapest gereist. Nach dem Kaffeekränzchen in der Kirche bittet er zum Gespräch nach draußen, damit er frei erzählen kann, ohne die Gefühle der anderen zu verletzen. "Bettwanzen, überall", erinnert sich Sárközi an das Leben im Heim. "Die meisten Kinder haben nachts ihre Betten eingenässt." Die toten Väter und Mütter, die zerfetzten Körper in den Ruinen, die ohrenbetäubenden Bomben aus den Schlachten, der schmerzvolle Hunger danach, das alles ließ die Kinder nicht los – bis heute werden die Frauen und Männer von dieser Zeit verfolgt. "Wir haben uns damals quasi in die Utopie geflüchtet."

Für manche Kinder war Gaudiopolis allerdings weniger eine Utopie und mehr eine Notwendigkeit, um in der Nachkriegszeit zu überleben. Sie wollten natürlich nicht von ihren Familien getrennt werden und haben nur mitgespielt, weil sie keine Wahl hatten. Viele ehemalige Bürger der Kinderrepublik bleiben deswegen den Jahrestreffen fern.

Die Biografien der Kinder von Gaudiopolis waren so unterschiedlich, dass Pragmatismus das eigentliche Fundament dieser Republik war. Es gab dort jüdische Kinder, Söhne von Aristokraten, Flüchtlinge aus Siebenbürgen, Voll- und Halbwaisen und einen Jungen, der aus den Ruinen eines zerbombten Hauses als einziger Überlebender seiner Großfamilie kroch. All diese Kinder liebten einander und hassten einander. Wie in einer richtigen Familie.

"In der kleinen Gesellschaft von Gaudiopolis haben wir nicht nur von Nächstenliebe gesprochen, wir haben sie Tag für Tag gelebt. Sie war Grundlage unseres Überlebens nach dem Krieg", sagt Andór Andrási. "Ohne Papa Sztehlo und ohne die anderen Kinder wäre ich bestimmt gestorben. Gaudiopolis hat mir gezeigt, dass Menschen in Not immer geholfen werden muss", sagt Béla Jansco. Und László Keveházi kann zunächst kaum in Worte fassen, was er in der Kinderrepublik fürs Leben gelernt hat. Dann sagt er: "Es ist einfach nur traurig, dass unsere heutige Welt nicht so friedlich und gutherzig wie Gaudiopolis ist."

Doch obwohl sie mehrere Jahre zusammenlebten, erzählten sich die Kinder nicht alles, manche Kriegserlebnisse oder die Gesinnung der eigenen Familie blieben ein Geheimnis. Erst Jahrzehnte nach seinem Auszug aus Gaudiopolis erfuhr Mátyás Sárközi, mit wem er wirklich sein Stockbett in der Kinderrepublik geteilt hatte. "Ich kann seinen wahren Namen nicht nennen, denn der Mann lebt noch – unweit meines Hauses in London." Deswegen heißt dieser Mensch hier Tamás.

Tamás erzählte den anderen Kindern oft, dass sein Vater vielen Juden das Leben gerettet habe. "Dabei war er der Sohn des größten Nazis im ganzen Land. Ich, der Sohn eines Auschwitz-Opfers, schlief jahrelang einige Zentimeter von ihm entfernt. Sein Vater sorgte dafür, dass mein Vater deportiert und vergast wurde. Wir haben uns als Zimmergenossen aber mehr als nur gut verstanden." Ihre gemeinsame Zeit in Gaudiopolis, der Pragmatismus und der Überlebenswille machten aus ihnen die besten Freunde – bis heute.

Hinter der Geschichte

Das Thema: Mohamed Amjahid war als Reporter seit 2014 oft für den "Tagesspiegel" in Ungarn unterwegs. Dort berichtete er über Rechtsradikale, Grenzzäune und die humanitäre Krise am Budapester Ostbahnhof im Sommer 2015. Durch einen Bekannten stieß er zufällig auf die Kinderrepublik Gaudiopolis.

Die Recherche: Der Reporter hat mithilfe eines Übersetzers viele Interviews mit ehemaligen Kinderbürgern geführt. Ihre Erinnerungen hat Amjahid zudem in Büchern, Filmen und Archiven nachrecherchiert.

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