J.W. Anderson "Volants  für ihn"

ZEITmagazin Nr. 38/2016
Wie der Modedesigner J.W. Anderson versucht, den Mann zu befreien Interview:

ZEITmagazin: Herr Anderson, Sie entwerfen Mode, die sowohl Männer als auch Frauen tragen können. Ist Ihre Mode geschlechtsneutral?

J.W. Anderson: Ich mache keine Unisex-Mode, aber die Männer sollen sich bei den Frauen- und die Frauen bei den Männerkollektionen bedienen können. Von Anfang an war es mir wichtig, die Wahrnehmung von bestimmten Silhouetten als "weiblich" oder "männlich" zu verändern. Für eine Männerkollektion habe ich mal Shorts mit Volantsaum entworfen. Warum kann ein Kleidungsstück für Männer wie Frauen nicht dasselbe bedeuten? Es ist doch nur Kleidung.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich nur für Kleidung interessieren, die entweder sehr gut oder sehr schlecht ist. Was soll denn an geschmacklosen Kleidern interessant sein?

Anderson: Hässlichkeit verleiht einem Look eine gewisse Ironie. Es ist gut, das Auge mit etwas herauszufordern, das nicht als geschmackvoll gilt. So entsteht Neues. Während meines Studiums habe ich als Schaufensterdekorateur für Prada gearbeitet. In dieser Zeit habe ich Miuccia Prada zweimal getroffen, vor allem aber mit ihrer sehr engen Freundin und rechten Hand Manuela Pavesi zusammengearbeitet, die leider inzwischen verstorben ist. Pavesi lehrte mich die Regeln des guten und des schlechten Geschmacks, die Art, wie man einen Look aufbaut. Von ihr habe ich die Kunst der Vermischung von Schönem und Hässlichem, von reichen und billigen Materialien gelernt, die für Spannungen sorgt.

ZEITmagazin: Sie wurden in Nordirland geboren. Wie war es, dort groß zu werden?

Anderson: Als Kind habe ich mich unglaublich schnell gelangweilt. Das ist bis heute so, deshalb muss ich mich immer wieder neuen Dingen widmen. Meine Eltern haben mich damals alle möglichen Sportarten ausprobieren lassen, um mich auszulasten.

ZEITmagazin: Wann entstand Ihr Interesse an Mode?

Anderson: Der Gedanke, dass man durch Mode zu dem Charakter werden kann, der man sein möchte, hat mich schon früh fasziniert. Ursprünglich wollte ich Schauspieler werden, aber die Liebe zur Mode war stärker. In der Gegend, in der ich aufwuchs, gab es nicht viel Mode, keine Modeschulen, keine Modemuseen. Aber dank der Magazine, die ich beim Kiosk im Ort bestellte – Homme Plus, i-D, Dazed & Confused –, wusste ich immer, was in der Modewelt los war.

ZEITmagazin: Was hat Sie an dieser Welt fasziniert?

Anderson: Für mich lebten die Designer, die ich bewunderte, in einer Fantasiewelt: Jean Paul Gaultier, Tom Ford, Hedi Slimane – das waren damals Superstars! Ich wollte unbedingt Teil dieser Welt sein und gesehen werden. Heute gibt es immer noch große Designer, aber weil die Mode so kommerziell geworden ist und die Positionen bei den Modehäusern immer schneller neu besetzt werden, kann ein Designer kaum noch ein richtiges Erbe hinterlassen.

Hier wird noch unterschieden zwischen Frauenmode (2017) ... © J.W. Anderson

ZEITmagazin: Was trugen die Leute in Ihrer Heimatstadt?

Anderson: Keine aktuelle Mode. Aber das störte mich nicht, im Gegenteil. In der Welt, in der ich heute arbeite, sind alle so berauscht von Mode, dass sie schnell den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Dagegen habe ich beobachtet, dass sich die normalen Leute, die bei den großen Ketten einkaufen, vor allem für Abendkleidung interessieren – es besteht offenbar eine breite Zustimmung für Kleidung, mit der man Eindruck schinden kann.

ZEITmagazin: Sie entwerfen Blusen mit überdimensionalen Keulenärmeln und Plateauschuhe für Männer. Woher kommt die Radikalität in Ihrem Design?

... und Herrenmode (2016) © J.W. Anderson

Anderson: Ich würde meine Mode eher als unverblümt bezeichnen, weniger als radikal. Ich bin selbst ziemlich ungehobelt, und so sind auch meine Entwürfe, ungefiltert und geradeheraus. Ich denke mir auch nicht irgendwelche Geschichten zu meinen Kleidern aus. Klarheit ist mir sehr wichtig.

ZEITmagazin: Wird Mode überinterpretiert?

Anderson: Ich finde, man sollte sie als das nehmen, was sie ist. Sie wurde mal erfunden, weil sich die Menschen schämen, nackt herumzulaufen. Im Grunde ist sie nicht besonders relevant.

ZEITmagazin: Viele Modekritiker würden da Einspruch erheben ...

Anderson: Ich habe nichts gegen Kritik, aber ehrlich gesagt glaube ich, dass die Tage der Modekritik gezählt sind. Am Ende betreiben die meisten Journalisten doch Lobbyarbeit für bestimmte Marken. Ich verstehe schon, dass die Leute eine Meinung zu den Dingen haben wollen, aber ich selbst würde nie auf die Idee kommen, einen Modedesigner zu bewerten. Es ist unglaublich schwer, heute Mode zu machen. Wir leben schließlich nicht mehr in den Achtzigern, als man mit Lizenzgeschäften, also dem Verkauf von Lizenzen für Produkte, die man nicht selbst herstellen wollte, einen Haufen Geld machen konnte. Man muss heute als Designer wirklich eine Leidenschaft haben für das, was man tut. Ich habe einen großen Respekt vor dem, was wir hier machen, und bin gleichzeitig nie zufrieden.

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