Steckdosen Gib mir Saft!

ZEITmagazin Nr. 38/2016
Steckdosen führten jahrzehntelang ein Schattendasein. Neuerdings sind alle ganz heiß auf sie. Von

Wenn vor ein paar Jahren Gäste eines Cafés durch den Raum staksten und an Stühlen und Taschen vorbei in die Ecken lugten, dann wusste man, oh je, da hat jemand was vergessen oder verloren. Instinktiv schaute man unter den eigenen Tisch, um nachzusehen, ob da nicht vielleicht ein Regenschirm liegt, der einem nicht gehört. Diesen Instinkt hat sich der Mensch inzwischen abgewöhnt. Denn was der durchs Café pirschende Gast in den allermeisten Fällen suchen wird, ist natürlich eine Steckdose. Früher hatten Handys kleine Displays, sie konnten praktisch nichts, frischen Strom brauchten sie nur alle drei bis vier Tage. Sie waren easy. Heute sind die iPhones, Samsungs und ihre Brüder und Schwestern so groß, dass sie nur in den seltensten Fällen acht Stunden elektronische Betriebsamkeit ohne neues Aufladen überstehen. Für den Benutzer, der sich aushäusig bewegt, bedeutet dies: Er braucht Zugang zu elektrischem Strom, der ihm nicht gehört.

Damit hat die Steckdose im öffentlichen Raum eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Jahrelang wurde sie schlichtweg übersehen. In Cafés, Bibliotheken, Rathäusern oder Universitätsfluren waren sie wohl nur deshalb da, damit ab und zu jemand einen Staubsauger betreiben konnte. Heute sind diese Steckdosen so etwas wie öffentliche Brunnen geworden, an denen der Durstige Rast macht. Er setzt sich oft gleich neben die Steckdose auf den Fußboden. Sie ist ja meist nah am Boden angebracht, einen Stuhl gibt es nicht neben dieser Steckdose, weil sie nie für diesen Zweck vorgesehen war, und das Kabel ist gewöhnlich kurz. Man begibt sich also, "steckdosensüchtig" (wie es die Zeitschrift Neon kürzlich nannte), in den Schneidersitz. So kann man das Telefon während des Ladevorgangs auch gleich benutzen, denn alleine lassen will man sein iPhone in der Bibliothek auf keinen Fall. Die kauernde Haltung auf dem Fußboden, sie passt zu der Situation, in der der akkuleere Mensch sich befindet: eben noch in Not, nun gerade gerettet.

Noch ist es in den allermeisten Fällen erlaubt, die öffentlich zugänglichen Steckdosen zu nutzen, ohne die Kilowattstunden bezahlen zu müssen, so wie Besucher in vielen Gebäuden umsonst Wasser trinken dürfen. In Regionen der Welt jedoch, die stark von Touristen besucht sind, die zuvor tagelang keinen Stromzugang hatten, finden sich neben den Steckdosen nicht selten Hinweise, welche besagen, dass es verboten ist, Strom abzuzapfen. In Neuseeland sind einige Steckdosen in den Büros der Nationalparks sogar mit Kreppband zugeklebt. Wanderer mit leeren Smartphones verstehen es sonst nicht. Ersatzweise wird in diesen Nationalparkbüros angeboten, das Telefon für drei neuseeländische Dollar von den Mitarbeitern hinterm Tresen aufladen zu lassen. Natürlich ist dem Wanderer mit leerem Smartphone das die Sache wert.

Früher war es die am häufigsten benutzte Ausrede, wenn man nicht erreichbar war, man habe kein "Netz" oder keinen "Empfang" gehabt. Heute ist der Mangel an "Saft" die weit glaubwürdigere Ausrede. Das Bundeswirtschaftsministerium müsste, nachdem es für LTE und WLAN in jedem Winkel des Landes gesorgt hat, als Nächstes öffentliche Steckdosen einrichten, wenn es die Sache wirklich ernst meint. Der Iran ist da voraus, berichtet eine Kollegin, dort gibt es in Parks bereits Steckdosen-Säulen.

Als Telefone noch von der Telekom waren und in Wohnungsfluren standen, durch ein Kabel fest mit der Wand verbunden, waren diese Kabel meistens ein paar Meter lang, drei Meter mindestens und in Wohngemeinschaften oft auch zehn, um es dem Telefonierenden zu ermöglichen, sich von der Anschlussstelle zu entfernen. Im Vergleich dazu sind die Aufladekabel heute lächerlich kurz, ungefähr einen Meter, wahrscheinlich weil ihre Hersteller nicht daran gedacht haben, dass, wenn die Telefone praktisch stündlich aufgeladen werden müssen, gleichzeitig auch telefoniert oder gesurft werden will. Wer morgens am Frühstückstisch feststellt, dass das Smartphone leer ist, und trotzdem seine Nachrichten lesen will, der befindet sich oft stehend neben der Spüle, halb gebückt, weiterfrühstückend mit schiefem Kreuz. Das Smartphone ist, in geschätzt einem Zehntel seiner Nutzungszeit, ein schnurgebundenes Telefon mit extrem kurzer Schnur.

Noch schlimmer als das kurze Aufladekabel ist es, für einige Zeit ganz ohne Aufladekabel zu sein. Es gehört zu den großen Widrigkeiten des modernen Lebens, dass Ladekabel vergessen werden können. Viele schützen sich dagegen, indem sie wenigstens im Büro ein zweites Ladekabel neben dem häuslichen bereithalten. Aber dennoch passiert es, dass Menschen plötzlich ganz ohne Kabel dastehen. Es soll Paare geben, die den Urlaub beinahe abgebrochen hätten, weil sie sich nicht einigen konnten, wer von beiden das Kabel hätte einstecken müssen, und weil sie, Besitzer eines alten iPhones, in dem Hotel auf Sardinien niemanden fanden, der noch ein passendes Kabel für sie hatte. Und in Büros ist eines der größten vorstellbaren Verbrechen überhaupt, sich von einem Kollegen das Ladekabel zu borgen und es nicht sofort zurückzubringen, sobald das eigene Telefon wieder bei 100 Prozent ist.

Als Kavaliersdelikt hingegen gilt es, den Getränkeautomaten am Flughafen für ein paar Minuten auszustöpseln, wenn sonst nichts frei ist.

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