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Archäologie Woher wir kommen

In Kenia erforscht die Familie Leakey seit Generationen den Stammbaum der Menschheit. Er reicht 3,3 Millionen Jahre zurück. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2016

Die Reise zum Ursprung der Menschheit dauert drei Tage. Sie führt in die Wildnis Kenias. Am Turkana-See haben Archäologen soeben die Überreste der ersten menschlichen Kultur überhaupt entdeckt, sie ist 3,3 Millionen Jahre alt. Mit jedem Tag unseres Wegs dorthin tauchen wir tiefer in die Vergangenheit ein.

Wir verlassen die Metropole Nairobi und durchqueren im Geländewagen fruchtbares Hochland, wo Kleinbauern seit Generationen Süßkartoffeln, Mais und Bananen anbauen. Am zweiten Tag wird der Boden trockener. Dies ist das Land der Nomaden, die sich, wie vor Tausenden Jahren, von der Milch, dem Fleisch und dem Blut ihrer Ziegen und Kamele ernähren. Und seit je tragen sie Gefechte aus, weil ein Stamm dem anderen das Vieh raubt. Wenig steinzeitlich sind allerdings ihre Waffen, eine Kalaschnikow aus Äthiopien kostet hier nur 500 Dollar. Darum sitzt auch eine junge Frau mit einer Maschinenpistole als Eskorte in unserem Landcruiser. Manchmal, sagt der Fahrer, überfielen schwer bewaffnete Banden Reisende bloß, um an deren Trinkwasservorrat zu gelangen. So trocken sei das Land, so verzweifelt seien die Menschen.

Nach ein paar Stunden Fahrt besteht die Landschaft fast nur noch aus Steinen, die Chalbiwüste. Umso größer die Überraschung, als am Ende des zweiten Tages im letzten Licht plötzlich eine türkis und blau schimmernde Fläche auftaucht: der Turkana-See. Man erkennt am Horizont gerade noch das gegenüberliegende Ufer und glaubt sofort, dass dies der größte Wüstensee der Welt ist. Aus dem Wasser ragen erloschene Vulkane. Wir sind jetzt von Lava umgeben. Im Geröll am Ufer stehen Hütten, die aus Akazienzweigen geflochten sind, wir sehen nur Frauen und Kinder. Sie gehören zum Volk der Turkana. Die Männer fischen draußen auf dem See, wie vor Tausenden von Jahren benutzen sie Flöße aus zusammengebundenen Stämmen.

Richard Leakey 1972 in Nairobi © Keystone Features/Getty Images

Am dritten Tag verkündet eine Tafel, dass wir uns im Sibiloi-Nationalpark befinden. Nach ein paar Kilometern stoppen uns drei uniformierte und bewaffnete Ranger. Sie haben offenbar schon länger keine Fremden mehr gesehen, jedenfalls bitten sie in ihr Hauptquartier zum Tee. Sie bringen uns zu einer Baracke. "Dr. Leakeys Landhaus", erklärt einer der Ranger voll Ehrfurcht. "Er selbst hat es gebaut." Vor der Baracke erstreckt sich ein mit Steinen markierter, staubiger Streifen, "Dr. Leakeys Landebahn". Hier ist er also eingeflogen, der berühmte Paläontologe und Abenteurer Richard Leakey. Ob wir wüssten, dass Angelina Jolie gerade Leakeys Leben verfilmt, fragt einer der Ranger.

Gerade 22 Jahre alt war Leakey, als er bei einem Flug über den Turkana-See erkannte, dass die Gegend reich an Fossilien sein könnte. Damals, 1967, war er ein unbekannter junger Mann, der sein Geld mit dem Organisieren von Safaris verdiente.

Ende der sechziger Jahre musste Richard Leakey Kamele mieten, um an den Turkana-See vorzudringen. 1969 machte er hier seinen ersten großen Fund: Seine Leute bargen den nahezu vollständig erhaltenen Schädel eines Vormenschen, der vor mehr als 1,7 Millionen Jahren hier gelebt hatte. Auch Steinwerkzeuge zog er aus der Vulkanasche. Da ließ Leakey das Flugfeld bauen, damit er jederzeit zurückkehren konnte. In den folgenden 20 Jahren sorgte er mit immer neuen Entdeckungen für Aufsehen. Unter anderem präsentierte er bis dahin völlig unbekannte Vor- und Urmenschenarten, die einst die Seeufer bevölkerten. Hier, am Turkana-See, sei die Menschheit entstanden, vermutete er.

Richard Leakey, geboren in Nairobi, stammt aus einer britischen Familie berühmter Paläontologen. Sein Vater Louis Leakey suchte in Kenia bereits nach dem Ursprung der Menschheit, er widerlegte viele Gelehrte seiner Zeit, etwa jene, die glaubten, der Mensch stamme aus Asien und sei erst einige Hunderttausend Jahre alt. Dank Louis Leakey wissen wir, dass unsere Wurzeln in Afrika liegen. Louis’ Frau Mary, Richards Mutter, fand in Tansania die bis dahin ältesten bekannten Fossilien von Vormenschen. Damit war klar, dass unsere Geschichte Millionen Jahre zurückreicht. Und Richards Bruder Jonathan Leakey entdeckte als Heranwachsender die Überreste des frühesten direkten Vorfahren des Homo sapiens.

Wenn man mit der Geschichte vom Garten Eden aufgewachsen ist und nun am Turkana-See zwischen Staub und Steinen steht, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass hier die ersten Menschen lebten. Doch spätestens seit vor ein paar Monaten wieder neue Funde bekannt wurden, stimmen immer mehr Forscher zu: Die Antwort auf die Frage, wie das Tier zum Menschen wurde, kann nur am Turkana-See zu finden sein.

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