Barry Gibb Der letzte Bee Gee

© Robin Platzer/The LIFE Images Collection/Getty Images
Sein Lied "Stayin’ Alive" hängt ihm zum Hals raus – trotzdem ist Barry Gibb immer noch süchtig nach Hits. Ein Gespräch zum 70. Geburtstag. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2016

Beaconsfield bei London: Immobilienhändler, Weinläden, edle Pubs. Und ein asiatisches Restaurant, in dem Barry Gibb gerne isst. Gibb lebt zwar in Miami, hat aber hier in der Nähe einen Landsitz. In dem Restaurant, das an dem Tag nur für ihn öffnet, empfängt Gibb, um über seine Rückkehr ins Musikgeschäft zu plaudern. Er ist immer noch eine eindrucksvolle Erscheinung, hochgewachsen und durchtrainiert, vielleicht ein wenig müde. Mit seiner grauweißen Haarmähne, dem Bart und den strahlend weißen Zähnen sieht er aus wie ein abgekämpfter Löwe. Aber wenn man seine Stimme hört, schwingen sofort all die Welthits mit, die er für die Bee Gees geschrieben und gesungen hat.

ZEITmagazin: Herr Gibb, in dem Pub hier um die Ecke lief eben Islands in the Stream im Hintergrund, einer der vielen Hits, die Sie geschrieben haben. Nervt es Sie manchmal, dass es vor Ihren Songs kaum ein Entkommen gibt?

Barry Gibb: Irgendwie habe ich Glück, ich werde selten mit meiner Musik konfrontiert, wenn ich vor die Tür gehe. Aber neulich fuhr meine Tochter mit einer Freundin zum Essen. Auf dem Hinweg lief Stayin’ Alive im Radio, und auf dem Rückweg war Night Fever im Programm. Als sie an einer Ampel standen, kurbelten sie die Fenster runter, drehten die Musik sehr laut auf – und auf dem Bürgersteig fingen tatsächlich Leute an zu tanzen. Wenn ich merke, dass sich Menschen immer noch an diese Hits erinnern, rührt mich das.

ZEITmagazin: Ihre Erfolge sind kaum vergessen. Bei Ihrem Überraschungsauftritt vor einigen Wochen mit Coldplay beim Glastonbury-Festival reagierte das überwiegend junge Publikum euphorisch auf Ihre alten Bee-Gees-Hits, das Konzert gilt bei vielen Kritikern als Höhepunkt des Festivals. Wie kam es dazu?

Gibb:Chris Martin rief mich etwas überraschend an und fragte, ob ich mit Coldplay auftreten würde. Ich fragte ihn, ob er sich da sicher sei, denn ein Glastonbury-Auftritt ist für Musiker tatsächlich etwas Besonderes. Coldplay sind jung, ich bin alt und hatte das Gefühl, dort eher zu stören. Ich sagte ihm, er solle eine Nacht drüber schlafen und dann noch mal anrufen. Er ließ sich einen Monat Zeit, ich dachte schon, er habe es sich tatsächlich anders überlegt. Als er dann aber noch mal anrief, sagte ich zu.

ZEITmagazin: Haben Sie die Songs für den Auftritt ausgesucht?

Gibb: Ganz sicher nicht! Im Gegenteil. Als Chris Martin mir Stayin’ Alive vorschlug, bat ich ihn, ob wir ihn nicht einfach mal übergehen können, weil mir ganz besonders dieser Song seit vielen Jahren zum Hals raushängt. Ich schlug ihm We Should Be Dancing vor. Aber Stayin’ Alive war ihm nun mal wichtig, und ich wollte kein Spielverderber sein. Dann bat er noch um To Love Somebody.

ZEITmagazin: In den vergangenen Jahren hatten Sie sich fast ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Hat der Auftritt in Glastonbury Sie an die große Zeit der Bee Gees erinnert?

Gibb: Ich habe im vergangenen Jahr bereits einige kleine Solokonzerte in Erinnerung an meine Brüder absolviert. Diese Auftritte haben mir sehr geholfen, die Trauer nach ihrem Tod zu überwinden. Ich habe eine finstere Zeit hinter mir und musste lernen, die Freude am Leben und an der Musik wiederzufinden.

ZEITmagazin: Nach dem Tod von Maurice und Robin spielten Sie angeblich mit dem Gedanken, ganz aufzuhören. Stimmt das?

Gibb: Ja. Ich stand unter Schock. Ohne Maurice und Robin Musik zu machen konnte ich mir nicht vorstellen. Aber ohne Musik wollte ich auch nicht weiterleben. Als Robin 2012 starb, bin ich wirklich abgestürzt. Es war, als ob ich mich in einem schwarzen Tunnel verlaufen hätte. Ich kämpfte mit Depressionen, Lust- und Planlosigkeit. Ich hatte keine Ahnung, wie es mit mir weitergehen sollte. Das ging zwei Jahre so. Dann zwickte es mich doch wieder: Diese unstillbare Sehnsucht, Musik zu machen und auf Bühnen zu stehen, ist ein starkes Gefühl, das man auf Dauer nicht unterdrücken kann. Solokünstler zu sein ist für mich trotzdem etwas ganz Neues.

ZEITmagazin: Sie sind in England geboren, in Australien aufgewachsen und leben seit langer Zeit in den USA. Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?

Gibb: In Australien gibt es diesen wunderbaren kleinen Ort namens Redcliffe an der Moreton Bay. Dazu gehören Surfers Paradise und die Gold Coast. An diesem Ort haben meine Brüder und ich als Kinder die Welt und das Leben entdeckt. Dort hatten wir unsere ersten Auftritte. Damals war alles unbeschwert, aufregend und toll. Wir kamen ins Fernsehen, dann nach Sydney, und als Sydney zu klein für uns wurde, gingen wir nach London. Seit 35 Jahren lebe ich nun vorwiegend in Miami. Aber mein Zuhause ist in Redcliffe, Australien – immer wenn ich dort bin, überkommt mich Nostalgie.

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