Ali Güngörmüş: "Du tust den Menschen gern Gutes, aber wer tut dir etwas Gutes?"

Ali Güngörmüş stand kurz vor dem Burn-out, da half ihm sein Fitnesstrainer. Interview:
ZEITmagazin Nr. 40/2016

ZEITmagazin Hamburg: Herr Güngörmüş, Sie sind immer so gut gelaunt, wenn Sie im Fernsehen kochen. Aber was ist das Härteste im Leben eines Star-Kochs?

Ali Güngörmüş: Jedenfalls nicht das Kochen! Bei mir ist es der Druck, der nie nachlässt, wenn du mehrere erfolgreiche Restaurants hast, viele öffentliche Auftritte, aber auch zwei Kinder. Ich bin nicht mehr nur der Koch an den Töpfen, sondern Manager und manchmal auch Psychologe, der allen 40 Mitarbeitern gerecht werden muss. Zugleich beobachte ich, dass die Menschen immer egoistischer werden. Jeder sieht nur noch sich.

ZEITmagazin Hamburg: Trifft das auch auf Ihre Gäste zu?

Güngörmüş: In unserem Hamburger Restaurant Le Canard will jeder am Fenster sitzen, um auf die Elbe zu schauen – dabei sieht man von anderen Plätzen genauso gut. Manche akzeptieren einfach nicht, wenn alle Fenstertische bereits reserviert sind. Da werde ich schon mal pampig.

ZEITmagazin Hamburg: Was hilft gegen den Druck?

Güngörmüş: Selbstbeherrschung. Disziplin. Und mich erdet, dass ich aus einfachen Verhältnissen komme. In Anatolien, wo ich geboren wurde, gab es keinen Reichtum, da holte man das Wasser noch mit dem Eimer. Wenn ich in München jetzt einmal pro Woche bei Mama meine sechs Geschwister treffe, dazu ihre Familien, und wir essen gemeinsam, dann vergesse ich allen Stress. Eine Zeit lang habe ich meine Familie vernachlässigt, das ist mir schlecht bekommen.

ZEITmagazin Hamburg: Warum diese Entfremdung?

Güngörmüş: Die Arbeit wurde immer mehr. 2005 zog ich von München nach Hamburg und war so erfolgreich, dass ich dachte, ich komme ohne Freunde, ohne Sport, ohne Großfamilie klar. Ich wurde überheblich. Und dann krank. Es war im Winter, ich wollte mit meiner Partnerin und unserem ersten Kind ein paar Tage in die Berge, da bekam ich mitten auf der Autobahn Herzrasen. Ich dachte, das war’s jetzt, ich sterbe. Das Herzrasen kam immer wieder, ich rannte zu sämtlichen Ärzten, sie fanden nichts. Einer warnte mich, wenn ich so weitermache, bekomme ich einen Burn-out.

ZEITmagazin Hamburg: Haben Sie dann weniger gearbeitet?

Güngörmüş: Nein. Ich arbeite gern. Solange die Arbeit Spaß macht, kann es auch viel sein. Aber man darf nicht nur auf der Überholspur leben! Das war mein Fehler, dass ich kein Stop mehr kannte, bis meine Seele krank wurde. Zwei Jahre lang ging das so.

ZEITmagazin Hamburg: Und dann haben Sie den richtigen Arzt gefunden oder die richtige Therapie?

Güngörmüş: Nein. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr erinnern: Wann hast du das letzte Mal herzlich gelacht? Da sagte ich mir: Wie wär’s, wenn du etwas änderst? Du tust den Menschen gern Gutes, aber wer tut dir etwas Gutes? Also fing ich an, Sport zu treiben, meine Ernährung umzustellen, Freunde zu treffen. Plötzlich ging es mir besser.

ZEITmagazin Hamburg: Sie haben einfach so Ihr Leben umgekrempelt, keiner hat Ihnen dabei geholfen?

Güngörmüş: Mein Retter war mein Fitnesstrainer. Gegenüber vom Le Canard liegt sein Studio, da ging ich rein und fing mit Herz-Kreislauf-Training an. Ich habe ihm auch so manches anvertraut. Er sagte: Junge, du arbeitest zu viel! Jeder will was von dir!

ZEITmagazin Hamburg: Die Arbeit wurde aber nicht weniger.

Güngörmüş: Nein, wurde sie nicht, aber ich erkannte, ich muss einen Ausgleich schaffen. Dafür brauchte ich jemanden, der mir offen die Meinung sagt. Ich habe dann den Kontakt zur Familie in München wieder verstärkt, und das tat mir gut. Man braucht nicht nur oberflächliche Kontakte, sondern Menschen, die einen lieben.

ZEITmagazin Hamburg: Treiben Sie immer noch Sport?

Güngörmüş: Ja, natürlich. Ich bin jetzt fitter und schlanker – und Sie werden lachen: Ich schaffe in derselben Zeit mehr Arbeit als früher. Wir haben in München ein zweites Restaurant eröffnet. Aber ich achte darauf, Pausen zu machen: lege mich einfach mal eine Stunde hin oder gehe zur Massage. Außerdem fliege ich gern nach Istanbul. Ich nutze unsere Ruhetage am Sonntag und Montag, um Gewürze zu kaufen und Freunde zu sehen. Sonntag fliege ich mit der ersten Maschine hin, Dienstag mit der ersten Maschine zurück.

ZEITmagazin Hamburg: Waren Sie diesen Sommer im Urlaub?

Güngörmüş: Erwischt! Nein. Aber im Mai war ich eine Woche in der Türkei. Und zur Entspannung gehe ich jetzt öfter etwas Gutes essen.

Das Interview führte Evelyn Finger, 44, sie lebt seit 2000 in Hamburg und mag das Licht und den Wind über der Alster

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