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Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 40/2016

Wer einen Gurt braucht, der hat Wichtiges vor. Und je mehr Gurt man hat, desto wichtiger ist es. Der Passagier im Flugzeug hat einen Beckengurt, den sogenannten Zweipunktgurt. Der Autofahrer hat einen Dreipunktgurt; wenn man als Pilot im Flugzeug sitzt, dann ist schon ein Vierpunktgurt notwendig. Und Rennfahrer werden mit Fünf- oder Sechspunktgurten fixiert.

Auch der Rockgitarrist trägt einen Gurt, und wer gerne mit einer richtigen Kamera fotografiert, braucht ebenfalls einen. Wer so einen Tragegurt nutzt, der will sein Werkzeug am Körper haben, der braucht auch oft die Hände frei. Und weil ein Gurt eben notwendig ist, muss er auch nicht besonders hübsch aussehen: Reißfestes Gewebe mit einer Polsterung und Karabinern zum Einhaken, mehr braucht es nicht. Allerdings wurden Gurte auch schon zum Kult stilisiert. Carlos Santana etwa macht seine Gitarrengurte zu einem Teil seiner Bühnenoutfits. Sie sind aufwendig bestickt und verziert oder extrabreit und aus geprägtem Leder.

Eigentlich ist das Image des Gurtes männlich geprägt. Aus einer Zeit, als es noch "Männerberufe" gab. Und so kommt es, dass die Gurte jetzt erst in der weiblichen Handtaschen-Mode angekommen sind. Bei Valentino gibt es einen längenverstellbaren Taschengurt mit Ethno-Motiven, Burberry hat eine Tasche mit einem nietenbesetzten Gurt im Angebot, der größer ist als die eigentliche Tasche, Fendi verkauft Taschen mit bunten Gurten, die sich abnehmen und austauschen lassen. Zum einem zeigt dies, dass die Kundin Tragekomfort mittlerweile durchaus auch bei ihrer Handtasche haben möchte. Alternativen zu den dünnen Lederriemen, die in die Schulter einschneiden, sind da willkommen.

Andererseits zeigt der Schultergurt, wie ähnlich sich Frauen- und Männermode geworden sind. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Frauenmode stark damit beschäftigt, Teile der Männermode zu kidnappen, um die neue starke Rolle der Frau zu betonen. Bikerjacken, Uniformen, Boyfriend-Pullover: Alles, was Männer trugen, tragen nun auch Frauen. Echte Männer-Kleidungsstücke gibt es kaum mehr. Wer denkt denn bei einer Bomberjacke noch daran, dass sie einst für Piloten entwickelt wurde, die mit ihren Ärmeln nicht an den Instrumenten hängen bleiben sollten? Der Tragegurt ist eines der wenigen Accessoires, die noch männlich konnotiert sind. Eben weil er oft in traditionellen Männerberufen Verwendung fand. Bald wird auch er unisex sein. Euch bleibt noch die Unterhose mit Eingriff, Männer.

Foto: Peter Langer/ Handtasche mit Nietengurt von Burberry, 1.700 Euro

Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

"Euch bleibt noch die Unterhose mit Eingriff, Männer."

Offensichtlich zählt sich die Autorin nicht zum männlichen Geschlecht oder wollte sich von der Pauschalisierung 'euch' elegant ausnehmen. Ich vermute erkennbar ersteres und versuche, bei direkter Anrede oder in der dritten Person darauf zu achten.
Aber wo wir gerade beim Thema Stil sind, gibt es in der Tat Kleidungsstücke, die mit der weiblichen Anatomie nicht funktionieren würden.
Das mit den Tragegurten war nur eine Frage der Zeit. In einer Handtasche muss schließlich der gesamte Hausstand Platz finden.

Fotografie ist natürlich Männersache.
Ich bin froh, dass die Bomberjacke nun vermehrt von jungen Leuten in Neukölln getragen wird. Davor hat nämlich auch keiner an Piloten gedacht, sondern an Faschos.

Aber der Autor glaubt sicherlich auch, dass "echte Männer" nur Vollbart tragen dürfen, wenn sie eine Axt schwingen können - sind Philosophen eigentlich von der Regel ausgenommen oder kommt die Bart Erlaubnis dort mit der Professur?