Harald Martenstein: Über Fakten, Phrasen und Beschimpfungen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 40/2016

Hier spricht Lumpi. Ich habe einige Male kritisch über die AfD geschrieben und habe mir daraufhin aus diesem Lager die Bezeichnung "Lump" eingehandelt. Ein schönes, altdeutsches Wort, obwohl ich "Hallodri", "Tunichtgut" oder "Lumpazivagabundus" besser gefunden hätte. Wenn mich jemand son of a bitch nennt, weiß ich jedenfalls sofort, von der AfD kommt er nicht. Aber ich finde es gut, dass es diese Partei gibt. Sehr viele Leute sehen die Einwanderungspolitik kritisch. In einer Demokratie muss es eine Partei geben, die diese keineswegs verbotene Ansicht glaubwürdig repräsentiert. Was sollen die Merkel-Gegner denn sonst tun? Einen Guerillakrieg anfangen? Ach so, sie sollen die Klappe halten und am besten gar nicht wählen. Na dann.

Sobald es gegen die AfD geht, ist in vielen Medien der Faktencheck abgeschafft. In der Berliner Zeitung lese ich, die Wahl in Meck-Pomm sei ein überwältigender Sieg der AfD-Gegner, 80 Prozent der Wähler hätten ja nicht AfD gewählt. Dann schaue ich mir das Ergebnis an, 21 Prozent AfD, drei Prozent NPD. Zahlen müssen stimmen, außer wenn es gegen die AfD geht.

In einem anderen Artikel lese ich, das Programm der Partei laute so: "Raus aus Euro, EU und Nato". Im Programm steht: "Die Mitgliedschaft in der Nato entspricht den Interessen Deutschlands", lesen Sie ruhig nach. Beim Euro verlangen sie eine Volksabstimmung, bei der EU eine Reform. Ständig lese ich den Vorwurf, die wollten "ein anderes Deutschland". Da frage ich mich, welchen Sinn eine Oppositionspartei haben soll, wenn sie nicht irgendwelche Veränderungen anpeilt.

Ich verlange von meinen Kollegen, wenn sie sich mit der AfD auseinandersetzen, ein gewisses Maß an Faktentreue und, zumindest ansatzweise, den Einsatz von Intelligenz. Es hilft, wenn man mal versuchsweise für eine halbe Stunde die Phrasendreschmaschine ausschaltet. Gefühlte fünfzig Mal habe ich folgendes Argument gelesen: An der Ostsee gibt es doch fast keine Flüchtlinge, an den Stränden dort wurde vermutlich noch nie eine Burka gesichtet. Mit diesem Argument soll zum Ausdruck gebracht werden, dass die dortigen Wähler sich irrational verhalten haben. Ja, wie kann man nur gegen Atomkraftwerke sein, wenn in 200 Kilometern Umkreis überhaupt kein Kraftwerk steht? Wie kann jemand Pfefferspray in die Tasche stecken, obwohl diese Person Überfälle nur aus der Zeitung kennt? Übrigens vergleiche ich, wenn ich dies schreibe, nicht Flüchtlinge mit was auch immer, ich führe lediglich vor, dass es sich hier um ein sinnfreies Argument handelt. Ein Mensch, der etwas für eine Gefahr hält, zu Recht oder zu Unrecht, handelt vernünftig, wenn er mit Gegenmaßnahmen nicht wartet, bis die Gefahr tatsächlich eingetreten ist.

Die AfD fordert, die Zahl der Einwanderer zu begrenzen und die Einwanderer auszuwählen, totale Abschottung fordert sie nicht. Mit dieser Position müsste man sich auseinandersetzen, falls man tatsächlich an einer Auseinandersetzung interessiert ist. Mit Beschimpfungen und erfundenen Vorwürfen gewinnt man jedenfalls keinen Blumentopf. Wenn man einem Anhänger der Grünen vorwirft, seine Partei sei dafür, den Sex mit Kindern zu legalisieren, macht man sich ja auch lächerlich.

Nun werden mir viele vorwerfen, dass ich Werbung für die AfD mache. Jetzt bin ich wieder der Lump, nur andersrum, eher son of a bitch. Aber wenn morgen in den Zeitungen stünde, die Linke fordere, dass Erich Honecker ein Mausoleum bekommt, dann würde ich sofort eine ähnliche Kolumne schreiben. Dann würde ich halt Werbung für die Linke machen.

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