Gesellschaftskritik Über die Scheidung des Jahres

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 41/2016

Wo warst du, als bekannt wurde, dass sich Brad Pitt und Angelina Jolie scheiden lassen?

Das ist eine Frage, die Menschen – ähnlich wie nach dem Tod von JFK oder von Prinzessin Diana – noch viele Jahre später werden beantworten können. Wir saßen gerade am Schreibtisch und fühlten uns mit uns und der Welt im Einklang. In dem Moment lief ein trunken wirkender Kollege den Gang herunter, ein Smartphone schwenkend, über das er eine Botschaft aus Hollywood empfangen hatte. Brad Pitt und Angelina Jolie lassen sich scheiden! Der Braxit ist da!

Was wir wissen: Sie hat die Scheidung eingereicht, will das Aufenthaltsbestimmungsrecht über die Kinder, nachdem er im Privatflugzeug auf dem Weg in die USA in einem Streit mit Sohn Maddox ausgeflippt sein soll, was sie dazu bewog, die Scheidung einzureichen. Hätten sie die Trennung von langer Hand geplant, hätte es vermutlich einen gemeinsamen Essay in der New York Times über die Vergänglichkeit der Liebe und die wahren Probleme auf diesem Planeten gegeben oder eine Pressekonferenz mit Ban Ki Moon. Stattdessen ist jetzt auf den einschlägigen Websites von Brads Alkoholproblem und merkwürdigen Erziehungsmethoden die Rede (sagen ihre Freunde) beziehungsweise von allgemeiner Verrücktheit (sagen seine Freunde) beziehungsweise von Karma (sagen die Freunde von Jennifer Aniston) – aber hier sind wir genau genommen schon im Bereich dessen, was wir nicht wissen.

Und dann gibt es noch den Bereich dessen, was wir lieber nicht hatten wissen wollen. Zum Beispiel, wie viele Leute es gibt, die jetzt auf Twitter behaupten, dass sie den Glauben an die Liebe verloren haben. Ich meine, ehrlich, man kann doch nicht ernsthaft annehmen, dass eine Beziehung zwischen zwei Menschen, von denen die eine so verwirrt ist, dass sie im echten Leben immer wieder die Rolle ihres letzten Films nachspielt, und der andere sich mit beinahe jeder Frau trösten kann, ewig hält!

Wir von der Gesellschaftskritik hingegen haben schon immer gewusst, dass das nicht mehr lange gut gehen würde, genauer gesagt haben wir bei jedem gemeinsamen Auftritt in ihren Gesichtern nach Anzeichen einer Zerrüttung gesucht, was natürlich auch irgendwie total daneben ist, genauso wie der Impuls, sofort nach der Trennung das eine geniale Wortspiel zu finden, das sich via die sozialen Netzwerke über den Erdball verbreiten wird, wobei die Idee mit dem Braxit natürlich auch nicht von uns stammt.

Oh Mann. Und wo waren Sie, als Sie davon gehört haben?

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