Die großen Fragen der Liebe: Darf er sie zur Vorlage für einen Film machen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 41/2016

Die Frage: Jack und Vera haben sich während des Studiums auf der Filmhochschule kennengelernt. Während Vera mittlerweile einen festen Job bei einem Fernsehsender gefunden hat, schreibt Jack Drehbücher und hofft, in der Filmwelt Fuß zu fassen. Tatsächlich interessiert sich eine Produktionsfirma für sein Exposé zu einer Komödie, die unter Medienschaffenden spielt. Vera traut ihren Augen nicht, als ihr Jack den Entwurf zeigt: Da hat Jack doch tatsächlich Szenen aus ihrem gemeinsamen Leben zur Karikatur gemacht. Und das, ohne sie zu fragen! Bei ihrem Sender werden sie mit Fingern auf sie zeigen! Jack ist beleidigt, dass sie sich nicht über seine originellen Dialoge freut. Soll sie Jack verbieten, derart aus dem Vollen zu schöpfen, oder muss sie ihm seine künstlerische Freiheit lassen?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Vera und Jack wissen beide, wie schwer es mitunter sein kann, mit Kunst Geld zu verdienen. An die Erfahrungen, die sie daraus gesammelt hat, sollte Vera sich nun erinnern. Wenn sie sich selbst in Jacks Entwurf erkennt, heißt das noch lange nicht, dass auch Dritte sie erkennen werden. Selbst wenn sie das tun, werden sie nicht mit dem Finger auf sie zeigen, sondern neugierig nachfragen, worauf Vera in aller Ruhe dementieren kann, wenn ihr danach ist. Während mir das grundsätzliche Verbot übertrieben erscheint, kann sich Jack doch ohne große Mühe etwas anderes einfallen lassen, sobald sich Vera durch Einzelheiten bloßgestellt fühlt. Wer sich mit einem Künstler einlässt, tut gut daran, es mit Humor zu nehmen, wenn er zum Modell gemacht wird.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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