Stilkolumnne: Winddicht

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 41/2016

Von Menschen, die aus großen Höhen herunterspringen, ging schon immer eine große Faszination aus. Nach Otto Lilienthal, dem ersten Menschen, dem wiederholt erfolgreiche Gleitflüge gelangen, ist heute der Flughafen in Berlin-Tegel benannt. Einem anderen Luftfahrtpionier wird noch mehr geschuldet, gewissermaßen ehrt man ihn durch das Tragen einer Jacke: Leslie Irvin. Er war der erste Mann, der mit einem manuell zu betätigenden Fallschirm absprang: 1919 stürzte er sich aus einer in 300 Meter Höhe fliegenden Maschine und brach sich dabei ein Bein. Der von ihm mitentwickelte Fallschirm allerdings war trotzdem eine Sensation. Irvin gründete eine Fallschirmfabrik. In den Luftkämpfen des Zweiten Weltkrieges retteten seine Schirme mehr als zehntausend Menschen das Leben. Auf Irvin geht aber noch eine andere große Erfindung zurück: die Lammfelljacke.

Die Entwicklung der Flugzeuge ging rasch voran, sie flogen in immer größere Höhen. Dort oben wurde es aber auch empfindlich kalt. Also waren die Piloten auf winddichte, wärmende Kleidung angewiesen. Irvin schuf eine Jacke aus Schaffell, bei der die Fellseite nach innen gewendet war. Das sah zwar wenig faszinierend aus, war aber sehr warm. Dazu leitet die Schafswolle Feuchtigkeit vom Körper weg und wirkt antibakteriell. Man hatte es also wohlig, sodass man fast vergessen konnte, dass man in einem Beruf tätig war, in dem man eher bei einem Absturz als an einer Erkältung sterben würde. Heute gibt es keine kalten Pilotenkanzeln mehr, und Piloten tragen keine Lammfelljacken. Aber das müssen sie auch nicht. Denn alle anderen tragen nun Pilotenjacken mit Lammfell.

Es gibt die klassische, kurz geschnittene Fliegerjacke aus dunkelbraunem Leder mit Lammfellfutter von Altuzarra. Wer es aufwendiger möchte, kauft das Modell von Balenciaga mit weit offenem Revers. Maison Margiela interpretiert die Fliegerjacke als Cape. Bei Belstaff wird das Innenfutter nach außen gekehrt. Es scheint, je mehr die Menschen sich daran gewöhnen, in Businessclass-Sitzen mit Massagefunktion und kabellosem Internet zu sitzen, desto mehr müssen sie zeigen, dass sie im Grunde doch wilde Gefahrensucher sind – die nur leider gerade keine Gefahr zur Hand haben, die sie meistern könnten. Oft ist es ja auch einfach zu mühsam. Wer heute noch einen spektakulären Sprung wagen will, muss wie Felix Baumgartner bis zum Rand des Weltalls gehen. Und dort oben ist es so bitterkalt, dass auch eine Lammfelljacke nichts mehr bringt.

Foto: Peter Langer / Lammfelljacke von Belstaff

Kommentare

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Hier in Berlin tragen die Menschen eher Daunen- und Funktionsjacken aus Kunstfasern. Bevorzugt in Schwarz. Auch Baumwoll- Woll- und Lederjacken werden bevorzugt in Schwarz getragen. Eine Ausnahme bilden ältere Frauen und ein Teil der Touristen die es heller und bunter mögen.

Lammfelljacken sind nur selten zu sehen. Solche von teuren Designmarken vielleicht am Samstag auf dem Kudamm aber sonst?

Das Bild über dem Artikel sieht auch eher nach einem Strickpullover aus.