Das war meine Rettung "Ich befand mich illegal im Zentrum der Welt"

Michael Krüger hat nicht studiert. Dank seiner Zeit in London konnte er trotzdem Verleger werden. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 41/2016

ZEITmagazin: Herr Krüger, wie geht es Ihnen nach 45 Jahren als Verleger nun als Pensionär?

Michael Krüger: Zunächst war ich plötzlich auf mich allein gestellt und hatte allergrößte Schwierigkeiten, den Tag zu organisieren. Im Verlag hatte ich eine Mitarbeiterin, die all die Dinge erledigte, die das Leben schwer machen, wenn man viel unterwegs ist und viel tut. Das musste ich nun plötzlich irgendwie auf meine eigene Kappe nehmen, es war ein fast unmöglicher Kraftakt. Ich musste mich neu erfinden. Zum Glück hilft mir jetzt meine frühere Mitarbeiterin wieder. Ich hätte es sonst nicht durchgestanden.

ZEITmagazin: Wie fühlt es sich an, auf sich selbst gestellt zu sein?

Krüger: Es ist das Gefühl, dumm zu sein, weil man einfache Sachen nicht gelernt hat und den verdammten Alltag nicht bewältigt. Von der richtigen Behandlung eines Computers bis zur Erstellung einer Rechnung. Man resigniert, lässt vieles einfach liegen, es entstehen dann diese berühmten unerledigten Türme. Parallel bin ich dabei, Hunderte von Kisten bei mir im Keller und im Verlag durchzusehen und zu entscheiden, welche Bücher und Manuskripte ich in meinen letzten zehn Jahren noch bei mir haben will.

ZEITmagazin: Wie sind Sie eigentlich Verleger geworden?

Krüger: Ich hatte viel Glück in meinem Leben und gebe das auch sehr gerne zu. Ich habe nicht studiert, sondern nach der Schule eine Doppellehre als Verlagsbuchhändler und Drucker begonnen. Meine Universität war meine Zeit in London. Das war für mich eine Rettung: Ein englischer Freund hatte mir einen Buchhandelsjob im Kaufhaus Harrods vermittelt, das damals eine der größten Buchabteilungen der Welt unterhielt. Und da hatte ich das große Glück, unendlich viele Leute kennenzulernen. Elias Canetti, Michael Hamburger, Peter de Mendelssohn, Erich Fried, Norbert Elias, Hilde Spiel, Anna Freud und Jakov Lind, sie kamen alle zu mir, weil sie sehen wollten, wer sich ausgerechnet bei Harrods, im Herzen des British Empire, für deutsche Literatur interessiert.

ZEITmagazin: Wo lebten Sie in London?

Krüger: Ich wohnte in der Camden High Street, heute eine der teuersten Gegenden, damals ein Drecksloch, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich verdiente ja kein Geld.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie in so einer teuren Stadt über die Runden?

Krüger: Ich arbeitete abends als Kellner im St. Moritz Club in Soho, der von einem Schweizer Juden namens Otto geleitet wurde, ein kleines Restaurant mit zehn Tischen und einem dunklen Partykeller. Ich sagte ihm, die Schweizer haben es gerne hell, jetzt holen wir schöne Bilder, vom Matterhorn und von der Jungfrau. Das Ding wurde nach der Renovierung ein Bombenerfolg. Weil Otto nicht reich war, bekam ich von ihm abends etwas zugesteckt und etwas Gutes zu essen. Hinter der Bar hatte ich ein Bett, da konnte ich übernachten. Man brauchte ja eine Aufenthaltsgenehmigung – wie bald nach dem Brexit vielleicht wieder! Ich befand mich aber illegal im damaligen Zentrum der Welt.

ZEITmagazin: Sind Sie aufgeflogen?

Krüger: Irgendwann kamen die Behörden darauf, dass ich mich noch im Lande aufhielt. Das werde ich nie vergessen. Zwei Herren standen vor der Tür und fragten, können wir Mister Krüger sprechen. Da habe ich, ohne mit der Wimper zu zucken, gesagt: Der ist leider nicht da. Drei Tage später habe ich meine Sachen gepackt. Alles passte in einen Koffer. Ich bin über Paris nach Berlin gereist. Aber die Londoner Zeit nimmt nach wie vor einen großen Platz in meiner Erinnerung ein, das dunkle Milieu in Soho, mein Tages- und mein Nachtleben, das gewaltige Harrods, die Architektur, die Museen, die Clubs.

ZEITmagazin: Sie klingen melancholisch.

Krüger: Vor wenigen Wochen sah ich plötzlich für drei, vier Minuten auf einem Auge nichts mehr. Ich saß im Auto, bin an den Rand gefahren und habe gedacht, vielleicht bist du überarbeitet, ein Schwächeanfall. Der Arzt sagte, sofort operieren. Die Halsschlagader war zu, es war wirklich in allerletzter Sekunde.

ZEITmagazin: Haben Sie vorher irgendwelche Beschwerden bemerkt?

Krüger: Nur die allgemeine Verblödung, die Altersblödigkeit, sonst war da nichts. Es war ein großer Schreck, und dann denkst du natürlich: Hast du eigentlich alles ordentlich vorbereitet? Hast du nicht irgendwas vergessen? Es hätte genauso gut vorbei sein können. Das war der erste Schlag ans Tor, und man hat nicht aufgemacht, doch irgendwann geht das Tor auf, das kann man nicht verhindern.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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Alle haben recht: Heute Uni-studieren 50 % statt wie vor 50 Jahren noch 10 %. Und dazu v.a. Frauen. Das ist eben EVA-lution, wo a) die Anforderungen an Matur kleiner geworden, bezw. die Maturitäts-Typen, danach die Uni-Studien-Auswahl irre grösser geworden ist, die Leute aber auch evolutiv grösser geworden, grösseres Hirnmaterial-volumen bekommen haben. Dann: Reparieren von defekten Teilen lohnt sich nicht mehr, ergo > Studium von Neuteilen. Und so unistudieren heute bald 60 %, gehen in der Arbeitsprozess erst mit 25, allwo ich noch mit 15, meine Eltern mit 14. > Das ist eben die heutige Neuzeit! Und dann spricht man nie vom ds Berufsthema sehr betreffenden >Heiratsmarkt! >> Gattung "Jung-Frau" heiratet seit je sozial nur nach oben, ergo muss "Mann" besonders seit den 1980ern beruflich was vorlegen > also "studiert" haben, > was Rechtes verdienen <> Wieso les' ich eigentlich nie, solche Ueberlegungen ? Wieso wird da immer um den Brei herumgeredet.- Das betrifft auch den Umstand, wieso die Jung-Männer kaum von zu Hause ausziehen wollen ! 1) Weil sie fast keine Partnerin finden > sich vorzeigbare West-Frau dem Mann entzieht und daher 2) er doch nicht alleine in eine überteuerte Kleinwohnung einziehen will. Voilà, das sind die 2 Hauptgründe, wieso a) so eine Uni-studier-Sucht herrscht b) zu wenige Junge eine Berufslehre anpeilen. Und c) sind es oft auch die Eltern > die Mütter < selber auch nur nach oben heirateten !!, die ihre Söhne auf das echte Leben vorbereiten.