Militär in Israel Major Facebook

ZEITmagazin Nr. 41/2016
Avichay Adraee ist Sprecher des israelischen Militärs – und für viele Araber ein Star. Von

Die lauten Schüsse aus den Maschinengewehren stören den Major bei seiner Arbeit. Der kleine Mann in der grauen Uniform wedelt zwischen den Schießständen mit beiden Händen in der Luft. "Schschschsch", zischt Avichay Adraee seine Assistentin an, bis die Schüsse endlich verstummen. Er befestigt das Mikrofon an seinem Kragen und stellt sich drei Schritte vor einer Videokamera auf, die er eingeschaltet hat. Mittlerweile herrscht Stille, nur der Wind pfeift noch penetrant. Die in Flecktarn gekleideten, gerade mal volljährigen Soldatinnen posieren als Statistinnen neben den Pappfiguren, auf die sie gerade noch geschossen haben.

Der 33-jährige Adraee ist Israeli, als sephardischer Jude mit Wurzeln in der Südtürkei und im Irak könnte er aber glatt als Araber durchgehen: schwarze Balkenaugenbrauen, dunkelbraune Haut, kompakte Statur mit Bäuchlein. Sein Arabisch ist fließend, obwohl semitische Sprachen in Grammatik und Vokabular recht unterschiedlich sind. Nur wenn er aufgeregt ist, stimmt etwas nicht. Das R bringt er dann nicht gerollt über die Lippen, den Kehllaut Q spricht er dann als K aus. Seine Uniform verrät ihn aber sowieso. Auf dem grauen Hemd prangen über seinem Herzen kleine Kriegsorden mit Davidstern, daneben ein Schokoladenfleck.

Adraees Job als Sprecher besteht darin, die Aktionen des israelischen Militärs vor der arabischen Welt zu rechtfertigen. Und dennoch akzeptieren ihn viele Araber als Mensch. Er hat sogar viele arabische Fans. Wie kann das sein?

Auf dem Schießstand von Binjamina, 50 Kilometer nördlich von Tel Aviv, dreht Adraee ein Video, das er ins Netz stellen wird. Hunderttausende werden es ansehen, Zehntausende Internetnutzer in Israel und den angrenzenden Ländern werden sich deswegen streiten. Adraee begrüßt die Zuschauer mit einem "Salam alaikum". Er zeigt auf die einzige arabische Soldatin im Hintergrund und erzählt, wie stolz er auf die Vielfalt, die Schlagkraft, die Größe des israelischen Militärs sei.

Ein General hat ihn im Jahr 2005 entdeckt, da war er noch ein einfacher Soldat – der fließend Arabisch spricht, er hat es in der Schule gelernt. Allein die Kombination aus Zionismus und Begeisterung für die arabische Sprache und Kultur ist ungewöhnlich und ein strategischer Vorteil. Die Kommunikationsabteilung des Militärs erkannte Adraees Potenzial und baute ihn als Typen, als Star, als Gesicht Israels in Arabien auf. Jedes arabische Kind zwischen Bagdad und Casablanca hat ihn schon mal im Internet oder im Satellitenfernsehen arabische Witze erzählen hören. Ihm folgen mehr als eine Million Menschen auf Facebook, Twitter, YouTube und Instagram. Regelmäßig, wenn Major Adraee mit einem seiner provokanten Beiträge in den Hauptnachrichten panarabischer Fernsehsender landet, hört der halbe Nahe Osten zu. Dann steht er im Kreuzfeuer der Moderatoren und muss Kriegsschläge gegen Zivilisten rechtfertigen. Al-Dschasira, Al-Arabija und Co. senden für 60 bis 80 Millionen Zuschauer.

Längst haben die Araber einen Spitznamen für Adraee: Vicho, der kleine Avichay. Einige seiner Follower auf Facebook nennen ihn Scheich Avichay oder Gelehrter Vicho, weil er gerne den Koran oder die Bibel zitiert. Andere bevorzugen "Stimme der Besatzung" oder "Zionistenschwein". Viele Menschen im Nahen Osten haben eine Meinung zu ihm.

Meine liberalen israelischen Freunde warnten mich, als ich ihnen von meiner anstehenden Woche mit Avichay Adraee erzählte. Vor allem als sie erfuhren, dass er darüber begeistert war, im ZEITmagazin zu erscheinen, und jede Publicity als gute Publicity bezeichnete. Ich solle mich vor der Propagandamaschine ihres Militärs in Acht nehmen, sagten sie. Meine arabischen Freunde in Tel Aviv und Haifa machten sich ebenfalls Sorgen. In Israel würden sie in mir den Araber und nicht den Deutschen sehen. Ich solle aufpassen, dass der Internet-Star bloß kein Selfie mit mir knipst und auf sein Profil hochlädt. Er schmücke sich nämlich gerne mit Arabern.

Adraee macht gerne Witze, erzählt manchmal arabische Kalauer. Er lacht viel und ist ein spontaner Typ, der ständig in Bewegung ist und meistens überschüssige Energie übrig hat. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sein Job an den Nerven zerrt und der Nahe Osten so unberechenbar ist. Den Zwang, mit Stiften zu jonglieren, zwischendurch auf ihnen zu kauen, lebt er selbstbewusst vor der Kamera aus. Die Soldatinnen kichern, anstatt wie befohlen einfach nur herumzustehen. "Seitdem er aufgehört hat zu rauchen, ist es schlimmer geworden mit seiner Macke", erklärt die groß gewachsene Assistentin Hanan. Sie versuchte, ihm seinen Tick mit den Stiften abzugewöhnen. Doch Adraee verwandelte das Laster in ein Markenzeichen.

In seinem neuen Video deutet der Major mit einem dicken Marker in die Kamera, als er die Araberinnen anspricht. "Unsere Soldatinnen sind unser ganzer Stolz. In Israel tragen Frauen wie wir Männer Waffen. Leider werden in anderen Ländern um uns herum Mädchen im Namen des Terrors missbraucht."

Er meint die vielen Schülerinnen, manchmal erst 13 oder 14 Jahre alt, die seit Monaten Israel mit blutigen Messerattacken schockieren. Es ist eine neue Form der Gewalt. Die klassischen, durchgeplanten Selbstmordattentate sind von vorgestern. Heute sind es junge Menschen mit Scheren und Messern, die fast täglich an den Dauerkonflikt erinnern. Meistens enden diese Situationen mit Kopfschüssen auf die Angreifer – und Videos von Avichay Adraee.

Bevor wir die Schießstände verlassen, zeigt der Major auf seinem Smartphone einen kurzen Zeichentrickfilm, den seine Assistentin Hanan ebenfalls für soziale Netzwerke produziert hat. Er soll, wie das Video vom Schießstand, die arabischen Frauen erreichen. Die Idee dafür lieferte er. "Man muss Provokationen gut dosieren", wird er später erklären. Nur so sei ihm die Aufmerksamkeit garantiert.

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