Sitzpläne Was für 'ne Vorstellung

Zum Beginn der Spielzeit: Was sehen Sie, wenn Sie auf diese Sitzpläne schauen? Von
ZEITmagazin Nr. 41/2016

U-Bahn-Pläne sind so etwas wie die Stars unter den Alltagskarten. Ihnen ist Aufmerksamkeit gewiss, ihnen sind Bildbände gewidmet, zum Beispiel im Penguin-Verlag, und Ausstellungen, etwa im Berliner Bikini-Haus. Mit den Netzplänen sind ihre Gestalter oft berühmt geworden, niemand so sehr wie der für den Londoner U-Bahn-Plan verantwortliche Harry Beck. Ähnliches lässt sich von jenen Plänen, die dem Opern-, Konzertsaal- oder Theaterbesucher helfen sollen, einen Platz in der gewünschten Preisklasse auszuwählen, keineswegs behaupten. Keine Beachtung als Kunstwerke nirgendwo bislang. Keine Ausstellungen, keine Bücher, nicht mal Fachartikel über das Genre lassen sich finden, wie Michael Stoll, Professor für Informationsdesign in Augsburg, zu berichten weiß.

Diese Sitzpläne werden üblicherweise in Programmhefte gezwängt, oder sie fügen sich ein in die Internetseiten der Häuser. Ihren Charme entfalten sie erst, wenn man sie aus ihrem üblichen Umfeld herauslöst und miteinander vergleicht. Dann wird deutlich, dass jeder Sitzplan auf unterschiedliche Weise versucht, das Innere seiner Oper oder seines Theaters abzubilden. So eine Spielstätte ist natürlich dreidimensional, es gibt nicht nur Parkett und Bühne, sondern auch Ränge und Balkons, das macht das Abbild auf flachem Papier knifflig. Mal sind die Pläne dreidimensional gezeichnet, mal flach von ganz oben. Mal erinnern die Pläne an Raumstationen (siehe Opéra Comique in Paris, oben), mal an Käfer, an Computerspielfiguren, an Kirchenportale, königliche Wappen, Hufeisen, an ein Auto von oben, an vielarmige Fantasiewesen, an Telefone, Platinen oder an Jukeboxen.

Was den Einsatz von Farben angeht, geizen die meisten Opern und Theater nicht. Das Royal Opera House in London übertreibt es in dieser Hinsicht besonders, fast jeder zehnte Stuhl hat seine eigene, grelle Farbe. Vielleicht sind sie ja in London beeinflusst vom berühmten Plan der London Underground, der ohne seine Farben schließlich unlesbar wäre. Jedenfalls neigen fast alle Häuser dazu, für die einzelnen Preisgruppen sehr unterschiedliche Farben zu verwenden, nahe an den Grundfarben, oft ins Pastellige tendierend. Auf die Preisgruppe Gelb folgt Rot, folgt Blau, folgt Orange, und niemand weiß, warum in dieser Folge. Vielleicht ergibt das aber doch einen Sinn. Das Theater will dem Ticketinteressenten offenbar vermitteln, dass sich die Sitzplätze in ihrer Qualität krass unterscheiden, viel stärker, als sie es in Wirklichkeit tun, wo es ja oft nur um einen Meter in die eine oder andere Richtung geht. Wieso sollte man sonst das Doppelte für dasselbe Stück zahlen wollen?

Nur in Weimar wechseln nicht die Farben, sondern die Graustufen, je dunkler, desto näher sind die Plätze an der Bühne. Die Idee stammt von der Grafikdesignerin Ricarda von Tresckow, die 2008 einen ähnlichen Vorgängerentwurf überarbeitete. Möglicherweise in einer Sternstunde der Sitzplangestaltung.

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