Allibert: Der Schrank, der einmal in jedem Bad hing

ZEITmagazin Nr. 42/2016

Als das Bad noch ein geheimnisvoller Ort war, gab es dort viele zauberhafte Dinge. Loses Puder, das wie Feenstaub die Luft vernebelte. Stielkämme, mit denen man eine böse Stiefmutter erdolchen konnte. Trockenshampoo, das die Gesetze des Waschens außer Kraft setzte. Pferdemark, das dem Haar einen magischen Glanz verlieh. Ein Glas voll schimmernder Perlen, die sich im Wasser in Schaum verwandelten. Alle diese wundersamen Dinge verbargen sich in einem Schränkchen, dessen Name klang wie der eines abendländischen Alibaba: dem Allibert, der in den siebziger Jahren in fast jedem Bad hing.

Im Allibert herrschte eine spezielle Ordnung, und uns Kindern waren bestimmte Fächer verboten – zum Beispiel das mit dem Aspirin und dem Jod. Das machte den Allibert natürlich spannend. In fremden Badezimmern war er immer eine Versuchung: Verbarg sich hinter seinen Türen eine Überraschung? Eine nie gesehene Zaubercreme? Ein Wunderduft in einer Kristallflasche? Glitzernder Modeschmuck? Und würde es jemand merken, wenn man mal nachschaute?

Um das zu tun, musste man einen Hocker (den es damals auch in jedem Badezimmer gab) vors Waschbecken schieben, denn immer hing der Allibert auf Augenhöhe der Erwachsenen, unerreichbar für Kinder. Das verlieh ihm eine gewisse Aura.

Der Allibert war aber nicht nur eine kleine Geheimkammer, er eröffnete auch neuartige Blicke auf sich selbst. Wenn man die beiden äußeren der Spiegeltüren aufklappte (wir hatten das dreitürige Modell), hatte man ein privates Spiegelkabinett – und konnte nun erstmals auch Profil und Hinterkopf betrachten.

So wenig, wie ich zu Hause Kind genannt wurde, so wenig nannte man bei uns den Allibert Badezimmerschrank. Das Tempo-Taschentuch kennt noch heute jeder – aber den Allibert? Seinen Namen hat er von Monsieur Joseph Allibert, der Ende der fünfziger Jahre in Grenoble begann, Badezimmerschränke aus Plastik zu fabrizieren. Die Firma gibt es immer noch, sie produziert nach wie vor Badezimmerschränke – die sehen aber ganz anders aus als der bescheidene Plastikschrank mit den Spiegeltüren. Der alte Allibert ist ausgestorben, genau wie Trockenhaube und Lockenwickler.

Adieu, Allibert!

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