Die großen Fragen der Liebe: Muss er die eigene Eifersucht ertragen?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 42/2016

Die Frage: Sabine hat Maschinenbau studiert. Der Männerüberschuss in dieser Sparte hat dazu geführt, dass sie für ihr Abschlussprojekt mit zwei Männern zusammenarbeitete, die seither gute Freunde sind. Jetzt hat sie sich in Ildar verliebt, einen türkischen Architekten. Sie verstehen sich sehr gut und sind vor Kurzem zusammengezogen. Nur in einem Punkt gibt es Streit: Ildar ist fest davon überzeugt, dass Männer und Frauen gleichen Alters, die zu zweit ausgehen, immer an Sex denken. Sabine besteht darauf, bald mit dem einen, bald mit dem anderen Freund einen Abend zu verbringen, aber Ildar will sich das nicht zumuten lassen und droht, sich zu trennen. Sabine würde Ildar gerne überzeugen, dass ihr Kontakt zu den Männern genau so ist, wie sie es ihm sagt. Aber wie?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ildar hat offenbar sehr viel Fantasie, aber leider wenig Übung darin, Gefühle wie Angst und Eifersucht zu beherrschen. Er traut sich nicht zu, die Vorstellung zu ertragen, seine Beziehung zu Sabine sei in Gefahr. Aus diesem Grund hat Sabine wenig Chancen, Ildar durch gute Argumente zu überzeugen. Wer Angst hat, will die Gefahr beseitigt wissen und nicht Vernunftgründe hören. Auch wer Angst vor Hunden hat, wünscht sich eher Leinenzwang und Maulkorb als den netten Satz des Hundebesitzers, der Labrador wolle doch nur spielen. Erst wenn sich Ildar mit Sabine darauf einigen kann, dass seine Einstellung die Beziehung unnötig belastet, und er bereit ist, sich im Ertragen von Eifersucht zu üben, kommen die beiden weiter.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Coaching in der Liebe. Neue Spielregeln für das Leben zu zweit" ist im Kreuz-Verlag erschienen.

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