Frédéric Beigbeder: Ein guter Ort zum Denken

Der Schriftsteller Frédéric Beigbeder über Ideen unter der Dusche und eine legendäre Badezimmerparty. Interview:
ZEITmagazin Nr. 42/2016

Frédéric Beigbeder: Entschuldigen Sie, darf ich vielleicht die erste Frage stellen?

ZEITmagazin: Natürlich.

Beigbeder: Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich ein Spezialist in Sachen Badezimmer bin? Mein Kollege Jean-Philippe Toussaint hat ein ganzes Buch geschrieben über einen Typen, der seine Badewanne nicht mehr verlässt, aber Sie fragen lieber mich. Ist das ein Kompliment? Oder muss ich mir deswegen Sorgen machen?

ZEITmagazin: Ihr Kollege pflegt eben nicht dieses Dandy-Image, das Ihnen anhaftet. Außerdem haben Sie vor Kurzem ein Interview in einer Badewanne gegeben.

Beigbeder: Oh ja, das stimmt. Das war gleich hier um die Ecke, in dem Hotel, in dem Oscar Wilde gestorben ist. Ich dachte mir, dass ich vielleicht irgendwas von seinem Geist aufnehme, wenn ich mich in seine Wanne setze – auch wenn die natürlich nicht wirklich seine, sondern eine neue Wanne ist. Ich hoffte, dass man mich am Ende mit ihm verwechselt oder so.

ZEITmagazin: Andere würden sich dafür vielleicht eher an den Schreibtisch eines bewunderten Autors setzen oder seine Schreibmaschine oder irgendeinen Notizblock kaufen. Sie setzten sich an einem legendären Ort in die Wanne. Machen Sie so etwas öfter?

Beigbeder: Nein, natürlich nicht! Wobei, jetzt, wo Sie es sagen, fällt mir eine ähnliche Geschichte ein: Meine Großeltern hatten ein Sanatorium in Südfrankreich, die Villa Navarre in Pau. Früher kamen viele große Schriftsteller dorthin zur Kur, Paul Valéry zum Beispiel. Ein häufiger Gast war der Philosoph Gabriel Marcel. Wenn er da war, mutierten die Abendessen zu theologischen Vorlesungen, alle Augen und Ohren waren auf ihn gerichtet. Mich hat das als Kind sehr fasziniert. Eines Tages habe ich mich in sein Bad geschlichen, seinen Bademantel angezogen und bin damit durch die Gänge stolziert. Ich wollte durch seinen Bademantel genauso wichtig und interessant werden wie er. Sie können sich nicht vorstellen, was für einen Ärger ich mit meinem Großvater bekommen habe.

ZEITmagazin: Und da wundern Sie sich noch, dass wir Sie über das Bad befragen! Das Badezimmer scheint für Sie so etwas wie der Ursprung Ihrer Kreativität zu sein.

Beigbeder: In gewisser Weise ist es das ja auch. Das Bad ist ein guter Ort zum Denken, dort kommt man endlich mal zur Ruhe, kann in sich hineinhorchen, ist abgeschirmt. Das ist in Paris viel wert, das Leben hier ist hektisch und anstrengend. Im Bad ordne ich meine Gedanken, lasse den Tag und meine Ideen Revue passieren. Andere meditieren, ich bade.

ZEITmagazin: Also denken Sie in der Badewanne auch über Ihre Bücher nach? Vielleicht sogar wie Dalton Trumbo, der legendäre Hollywood-Drehbuchautor: die Schreibmaschine auf einem kleinen Holzbrett platziert, den Whiskey in der einen, die Pfeife in der anderen Hand?

Beigbeder: Du meine Güte, nein! Das Bad ist ein Ort der Reinigung, da kann ich mich doch nicht weiter verschmutzen. Auf keinen Fall wird in meiner Badewanne getrunken oder geraucht! Und schreiben möchte ich dort auch nicht, so cool das bei Trumbo auch aussah. Das Einzige, was ich tue: Ich lege neben die Wanne ein Notizheft, für den Fall, dass ich mal wieder einen genialen Einfall habe. Ich muss immer gleich alles notieren, auf mein Gedächtnis ist ja leider kein Verlass.

ZEITmagazin: Ihr Buch Ein französischer Roman aus dem Jahr 2010 handelt von Ihren Schwierigkeiten, sich an Ihre Kindheit zu erinnern. Versuchen Sie es uns zuliebe doch trotzdem noch einmal: Ihre älteste Badezimmer-Erinnerung?

Beigbeder: Oje, Sie wissen doch, dass ich auf so etwas nicht antworten kann, ich leide wirklich unter Amnesie. Hmmm ... Okay, eine lustige Erinnerung habe ich: Bei meinem Stiefvater hatten mein Bruder und ich ein gemeinsames Bad, das so eng war, dass ich mich an die Decke hieven konnte: die Hände gegen die eine Wand gestemmt, die Füße gegen die andere und dann als Brett hoch. Eines meiner Lieblingsspiele war es, mich dort auf diese Weise an die Decke zu kleben und zu warten, bis mein Bruder kommt, um ihn zu erschrecken. In diesen Momenten war ich endlich mal der Coolere von uns beiden.

ZEITmagazin: Sie sind als Kind ziemlich oft umgezogen, nachdem sich Ihre Eltern getrennt hatten. Wo war Ihr schönstes Bad?

Beigbeder: Oh, das weiß ich: Unser schönstes Bad war das unserer Mutter, noch bevor wir zu besagtem Stiefvater zogen. Es lag am Ende des Ganges, und für uns war es wie ein Tor in die Welt unserer Mutter. Es duftete dort immer besonders gut, es gab all diese Flakons und Cremes, es war dort wärmer und schöner als anderswo im Haus – ein anziehender, magischer Ort. Wissen Sie, für kleine Jungs ist es sehr mysteriös, was in einem Frauenbad vor sich geht.

ZEITmagazin: Und für erwachsene Männer?

Beigbeder: Eigentlich auch. Ich frage mich zum Beispiel immer, was meine große Tochter, sie ist inzwischen 17, dort so lange macht. Ich verstehe es wirklich nicht. Was meinen Sie, was tut sie da?

ZEITmagazin: Baden, lesen, sich schminken?

Beigbeder: Ja, wahrscheinlich. Das ist ja der große Vorteil der Frauen gegenüber den Männern: Sie können sich ein bisschen schöner schminken, wir nicht. Eine große Ungerechtigkeit, wenn Sie mich fragen. Das Einzige, was uns bleibt, ist der Bart, damit können wir zumindest die Hälfte unseres Gesichts verbergen.

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