Gerüche: Neue Duschgels lassen uns nach Obst riechen

ZEITmagazin Nr. 42/2016

Wenn ein Kind ein Stück Wassermelone verspeist hat oder einen Donut, dann kommen Eltern schon einmal auf die Idee, ihm mit Seife das Gesicht zu waschen. Man käme eher nicht auf die Idee, das Kind mit einer Wassermelone zu waschen oder mit einem Donut. Oder? Betritt man allerdings heute einen deutschen Drogeriemarkt, wird einem genau dies nahegelegt: Dort wird zum Beispiel der Duschschaum Fresh Watermelon angeboten, empfohlen von der Beauty-Bloggerin Bibi von BibisBeautyPalace. Und sie hat auch die Duftnote Crispy Donut entworfen. Damit soll man sich waschen, ja.

Die ersten Duschgels oder Duschbäder kamen in den siebziger Jahren auf. Damals wurden immer mehr Wohnungen mit fließendem warmem Wasser ausgestattet. Wasser war keine begrenzte Ressource mehr. Man musste kein Wasser mehr im Boiler erhitzen und eine Wanne volllaufen lassen, um sich am ganzen Körper zu waschen – man stellte sich einfach unter die Dusche. Das dafür entworfene Duschgel besteht seit je aus Tensiden, die mit verschiedenen Verdickungs- und Perlstoffen zu einer cremigen Flüssigkeit vermischt werden. Tenside reinigen die Haut.

Aber um Sauberkeit geht es beim Duschgel eigentlich nur am Rande. Beim Duschgel geht es schon immer um das Erlebnis. Duschgel erfüllt die Sehnsucht, Exotisches in die heimische Wohnung zu bringen. In den achtziger Jahren versprach die Fernsehwerbung von Fa-Duschgel das Gefühl des prickelnden Ozeans auf der Haut. Man reiste damals noch mit dem Auto. Und deshalb war an der Riviera Schluss. Die schäumenden Wellen der Südsee waren für die meisten unerreichbar – außer unter der Dusche. Seither verkauft man mit Duschgels Gefühle, die man sich auf die Haut reiben kann. Mal sollen sie sportlich machen (fresh), mal geheimnisvoll (noire), mal unwiderstehlich (sensual).

Warum aber sind die Duschgels, die wir heute kaufen, nicht mehr von exotischen Orten inspiriert, sondern von der Speisekammer? Warum wollen wir riechen wie eine Mahlzeit? Vielleicht ist es ja der Traum vom Crispy Donut, den wir träumen – weil wir uns schon lange nicht mehr trauen, einen zu verspeisen, vor lauter Angst, der könnte unseren Body-Mass-Index durcheinanderbringen.

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