Harald Martenstein Über Mutter Teresa und ihre Verächter

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 42/2016

Nichts und niemand auf Erden ist perfekt. Oder muss man da, um perfekt zu sein, das Prädikat in den Plural setzen? Nichts und niemand sind perfekt? Aus dem genannten Grund jedenfalls lese ich keine Artikel mehr, in denen irgendein verdienstvoller und bewundernswerter Mensch vom Sockel gestoßen werden soll, indem man eine angebliche Verfehlung dieser Person enthüllt, gewöhnlich eine kleine bis mittelgroße. Das weiß ich doch sowieso, ihr Lieben. Das ist halt ein Mensch, einer wie du und ich. Ich rede hier von Verfehlungen, Irrtümern und Sünden aller Art, nicht von Verbrechen.

Nun machte ich eine Ausnahme, weil ich nämlich meinen Prinzipien regelmäßig untreu werde.

Ich habe einen Artikel über Mutter Teresa gelesen, die kürzlich heiliggesprochen wurde, den Friedensnobelpreis hatte sie 1979 bekommen. Mutter Teresa verbrachte den größten Teil ihres Lebens damit, in Indien bitterarme Sterbende zu pflegen. Die Alten und Kranken gehörten in der Regel einer anderen Religion an als sie, das spielte für sie keine Rolle. Da war ich gespannt, was sie wohl nach Ansicht der Sauberpersonen – man beachte meine nicht sexistische Sprache! – auf dem Kerbholz hat. Hier das komplette Sündenregister von Mutter Teresa und die Begründung, warum ihre Heiligsprechung ein Skandal ist.

Mutter Teresa hat Diktatoren die Hand geschüttelt, um an Geld für ihr Hospiz heranzukommen. Als sie in Beirut geistig behinderte Kinder aus der Bürgerkriegshölle ausfliegen ließ, setzte sie "ihre Berühmtheit bewusst ein", du und ich hätten das nicht geschafft. Mutter Teresa war gegen Abtreibungen, gegen Scheidungen und gegen die Pille, sie war nämlich streng katholisch und vom Jahrgang 1910. Dass der Papst eine Katholikin heiligspricht, macht einen irgendwie fassungslos, oder? Aber es kommt noch schlimmer. Die medizinische Versorgung in ihrem Hospiz war nicht auf höchstem Niveau, in der Mayo-Klinik hätten die Kranken es besser gehabt. Sie hat viele Sterbende zum Christentum bekehrt und getauft – hat man da noch Töne? Besonders schwer scheint der Vorwurf zu wiegen, dass Mutter Teresa in ihren Tagebüchern häufig von ihrem Zweifel am Glauben, von Einsamkeit und Verzweiflung geschrieben hat. Nach außen strahlte sie immer Optimismus und Gläubigkeit aus. Eine Heuchlerin! Besonders liebenswert klingen solche Anwürfe, wenn sie von Leuten kommen, die noch nie einem sterbenden Leprakranken die Hand gehalten haben.

Nur in schlechten Filmen und in schlechten Texten gibt es das makellos Gute, welches gegen das rabenschwarz Böse kämpft. Kürzlich war ich bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Journalistenpreises. Als beste Reportage wurde ein Text aus der Süddeutschen geehrt, ein Porträt des NPD-Politikers Udo Voigt. Der Autor Tobias Haberl versucht, sämtliche Facetten eines solchen Mannes zu zeigen, das heißt, Voigt kommt nicht in jedem Satz wie ein Satan rüber. Der Text war in der Redaktion heftig umstritten. Viele Kollegen seien empört gewesen, erzählte Haberl, weil bei ihm der NPD-Mann "wie ein Mensch" erscheine. Wenn man nach dem Gegenteil von Mutter Teresa sucht – keine Selbstzweifel, Berührungsängste und eine gewisse Boshaftigkeit –, dann findet man es wohl im Journalismus. Dass niemand eine Reportage über den Satan lesen will, deren Botschaft lautet, dass der Satan böse ist, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Sie wäre nämlich zu langweilig.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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