Instagram: Ein Bad in der Menge

Nicht nur Stars lieben #bathroomselfies. Von
ZEITmagazin Nr. 42/2016

Vor einigen Tagen postete der amerikanische Reality-Star Kim Kardashian ein Foto von sich und ihrem Ehemann, dem Rapper Kanye West, auf Instagram. Sie stehen vor einem Badezimmerspiegel. Kardashian hat ihr iPhone in der linken und eine Clutch in der rechten Hand. Es sieht lustigerweise ein bisschen so aus, als greife ihre Hand nicht um eine Tasche, sondern um den Penis ihres Mannes. Diese Zweideutigkeit machte weltweit Schlagzeilen, knapp zwei Millionen Menschen klickten auf "Gefällt mir".

Auch Stars wie Miley Cyrus, Rihanna, Mariah Carey und Justin Bieber haben sich schon mehr oder weniger bekleidet in ihren Bädern gezeigt, das "White House Bathroom Selfie" einer Besucherin des Weißen Hauses wurde ein viraler Hit, obwohl es lediglich die Frau und einen Wandspiegel zeigt, und unter dem Hashtag #bathroomselfie finden sich Millionen von Fotos nicht berühmter Menschen in Badezimmern.

Das Phänomen ist nicht neu, es lässt sich sogar eine richtige Geschichte der Badezimmer-Selfies nachzeichnen. Mitte der nuller Jahre war Myspace die größte Social-Media-Plattform der Welt. Auf gefühlt jedem zweiten Profilbild stand ein junger Mensch vor einem Badezimmerspiegel und fotografierte sich selbst. Es gab damals nur Digitalkameras – und deshalb auch keine andere Möglichkeit, ein einigermaßen gelungenes Selfie von sich zu schießen, als sich vor einen Spiegel zu stellen und den Anblick abzufotografieren. Die Badezimmer waren wie kleine Fotostudios in der Wohnung: absperrbar und mit gutem Licht. Diese älteren Badezimmer-Fotos wirken aus heutiger Sicht auf rührende Weise unbeholfen: Die Blicke sind häufig erschrocken, als hätte der Blitz der elterlichen Digitalkameras die Fotografierenden überrascht. Es fehlen die Instagram-Filter, die alles in weiches Licht tauchen, und so sieht man Staubkörner und Fingerabdrücke auf den Spiegeln. Mit Bildbearbeitungsprogrammen wie Picnik haben viele noch Worte über die Fotos gelegt: "Hi there" zum Beispiel in pinker Schreibschrift oder "Summertime", um zwischen dem Ich – umgeben von Badkacheln und Handtuchhaltern – und der Welt da draußen einen Bezug herzustellen. Man denkt beim Betrachten der Fotos an Filme wie The Virgin Suicides und daran, wie einsam sich das Leben als Teenager anfühlen kann. Weil niemand da war, um einen zu fotografieren, hat man es halt selbst machen müssen. Diese Profilfotos auf Myspace waren gewissermaßen aus der Not geborene Ur-Selfies. Erste, schüchterne Grüße in die Welt.

Facebook, das damals gerade zur Weltmarke wurde, stand bald für ein neues Lebensgefühl. Die Seite sah weniger trashig aus als Myspace, und der Idealnutzer war kein einsamer Nerd mehr, sondern ein feiernder, in den Urlaub fahrender, Freundschaften pflegender Mensch. Plötzlich erblickte man keine traurigen Bad-Selfies mehr, sondern Kumpels, die sich lachend in den Armen lagen und sich gegenseitig auf Bildern "markierten".

eine technische Entwicklung aber brachte das Selfie wieder zurück. Mit dem iPhone 4, das 2010 auf den Markt kam, konnte man sich fotografieren – und per "Kamera wenden"-Funktion gleichzeitig im Bildschirm sehen. Es war die Befreiung des Selfies aus dem Badezimmer. Kein Spiegel war mehr nötig, um zu prüfen, ob der Gesichtsausdruck, das Selfie-Licht, die Frisur stimmten – das ging jetzt alles von unterwegs. Statt Duschvorhängen und Shampooflaschen bildeten nun Wahrzeichen wie der Eiffelturm den Hintergrund für die Selbstdarstellung. Nie zuvor war das digitale Ich selbstbewusster – die Welt wurde zur Kulisse degradiert.

die Selfies wurden seitdem immer spektakulärer. Im Jahr 2012 streckte der Astronaut Akihiko Hoshide seine Arme aus und fotografierte sich selbst, im Weltraum schwebend, und vor wenigen Tagen drehte das gesamte Publikum auf einer Wahlkampfveranstaltung in Orlando Hillary Clinton den Rücken zu, um Selfies mit der möglicherweise ersten US-Präsidentin zu machen. Welche Steigerung war da noch möglich?

Millionen #bathroomselfies geben eine Antwort: Die einzig denkbare Steigerung ist Intimität. Ein Badezimmer-Selfie ist wie ein Schlüssellochblick in den Backstage-Bereich eines Lebens. Es macht den Betrachter zum Voyeur. Die Unterstellung aus Myspace-Zeiten, die Fotografierten seien einsam, schwingt längst nicht mehr mit – weil klar ist, dass die Menschen sich freiwillig im Bad fotografieren und nicht aus Hilflosigkeit. Wer sich durch die Fotos unter #bathroomselfie klickt, sieht Frauen und Männer, in Handtücher gehüllt wie in der Bodylotion-Werbung. Manche sind nicht mal mehr alleine im Bad, sie posieren in Abendkleidern mit der besten Freundin und ergänzen das Badezimmer-Hashtag noch um Sprüche wie "Don’t worry, be yoncé". Nach Jahren der Erfahrung haben sie ihr Selfie-Gesicht gefunden. Die Fotografierten schauen wie Schauspieler auf dem roten Teppich. Im Badezimmer sind jetzt alle Stars.

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