Integration Was man im Bad über Integration lernen kann

ZEITmagazin Nr. 42/2016

Neulich habe ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gelesen, wie eine Halal-Toilette auszusehen hat: "Der Fußboden, wenn er denn gestrichen ist, sollte nicht ausgerechnet die Farbe Grün haben – die Farbe der Muslime." Außerdem erklärte mir die FAS, dass Gläubige und damit auch viele Flüchtlinge bei der Verrichtung ihrer Notdurft nicht mit dem Rücken in Richtung Mekka sitzen dürfen. Und dann stand da noch ein sensationeller Befund: "Die Latrinen für (muslimische) Frauen und Männer sollten getrennt voneinander sein."

Hinter dieser investigativen Recherche steckt eine der größten Fragen unserer Gesellschaft im aufgewühlten Jahr 2016: Prallen in Deutschland nun zwei fremde Badkulturen aufeinander? Auf Facebook entbrannten unter Flüchtlingen lange Diskussionen, wie man mit der "Wasserscheu der Deutschen" umgehen solle. Viele Orientalen weigern sich nämlich hartnäckig, lediglich Toilettenpapier zu benutzen. Für sie ist der lauwarme, angenehme Wasserstrahl danach eine echte Glaubensfrage.

Tatsächlich existieren in der Sunna, also in den Überlieferungen zur Lebenspraxis des Propheten Mohammed, Empfehlungen, wie Muslime ihren Toilettengang gestalten sollen. Zumindest kann ich mich gut daran erinnern, wie in meiner Koranschule alle Kinder kicherten, als die Lehrerin den "islamischen Leitfaden fürs stille Örtchen" erklärte. "Kackregeln" nannte das der Rowdy in der hinteren Reihe. Dabei betonte die Lehrerin das Wort Empfehlungen: Es existieren im Islam also keine Badgebote. Und dennoch gibt es Muslime, die vor dem Toilettengang ein Gebet aufsagen und zuerst mit dem linken Fuß ins Bad eintreten.

Anders als in Deutschland üblich, gilt die Reinigung mit Wasser (und oft mit milder Seife) im Orient als Standard – sodass die Apotheken Umschau vor Kurzem feststellte: "Die allerbeste Art, den Intimbereich zu säubern, macht uns ein ganzer Kulturkreis vor: die Muslime." Allerdings gehört auch in Italien, Japan oder Brasilien oft ein Bidet, eine in der Toilettenschüssel eingebaute kleine Fontäne oder zumindest ein Schlauch mit fließendem Wasser zum Bad.

Hierzulande muss man oft mit Behelfslösungen arbeiten. Schauen Sie das nächste Mal in der Toilette Ihres türkischen oder arabischen Imbisses hinter die Kloschüssel, Sie werden wahrscheinlich eine Wasserflasche finden – 1,5 Liter, vom Discounter, weil man mit einem Loch im Verschluss und einem beherzten Druck auf das flexible Plastik eine Fontäne simulieren kann. Integrationsverweigerung von Aldi. Mein persönlicher Wille zur Integration hat auch klare Grenzen. Im Internet wollte ich neulich für mein berlinisches Kleine-Leute-Bad deswegen die praktischste Bidet-Notlösung bestellen: einen Brausekopf, der mit einem Schlauch provisorisch am Wasserhahn des Waschbeckens angeschraubt wird. Nach kurzer Recherche zeigte sich, dass Waschbeckenbrausen in Deutschland ausverkauft sind. Was das wohl bedeutet?

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