Ich habe einen Traum James Blake

"Als Einzelkind fühlt man sich manchmal von neugierigen Blicken verfolgt"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 42/2016

Als ich neun oder zehn Jahre alt war, hatte ich einen wiederkehrenden Traum, in dem ich von einem gigantischen Eichhörnchen die Straße hinuntergejagt wurde. Auch wenn sich dieser Traum sehr bedrohlich anfühlte, weiß ich nicht, ob es wirklich angemessen ist, ihn einen Albtraum zu nennen. Erfüllen Eichhörnchen mit ihrem eher niedlichen Wesen überhaupt die Voraussetzungen, um Albtraumgestalten zu sein? Ich bin mir da nicht sicher.

Ein anderer Traum, der mich als Teenager verfolgte, war dagegen ein richtiger Albtraum. Darin komme ich an eine Art Feuerstelle in einem dunklen unterirdischen Gewölbe. In dieser Feuerstelle, untergebracht in einem Hohlraum im Gemäuer, stehen brennende Kerzen, es sieht aus wie eine Art Zeremonienplatz. Das Flackern der Kerzen hat mir große Angst gemacht. In diesem Traum, denke ich, manifestieren sich meine existenziellen Ängste, gepaart mit einem morbiden Interesse am Tod.

Vor ein paar Jahren war ich in Japan und wollte einen Tempel besuchen, der auf einem Berg liegt. Ich bin einen verschlungenen Pfad hinaufgestiegen. Oben angekommen, wurde ich von einer Biene attackiert. Auf der Flucht vor dieser Biene stieß ich zufällig auf einen kleinen Altar. Dazu gehörte eine Feuerstelle mit mehreren Kerzen darin – sie sah so aus wie die aus meinem Albtraum! Dieser Anblick hat mich tief verängstigt.

Ich bin ein Einzelkind, ich denke, das hat meine Träume geprägt. Darin gab es nie viel Gemeinschaft, Zusammenarbeit oder gar Akte der Selbstlosigkeit. Ich war stets für mich allein verantwortlich. In gewisser Weise war meine Arbeitsweise als Musiker zu Beginn ähnlich.

Als ich vor einigen Monaten an meinem aktuellen Album arbeitete, gab es eine Zeit, in der ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Das hat mich um den Schlaf gebracht. Meine Träume waren sehr verschachtelt und turbulent. Ich war damals in einer schwierigen Phase, als Musiker und als Mensch. Ich wusste, ich muss einiges in meinem Leben ändern. Ich war immer ein zurückgezogener, unsicherer und misstrauischer Mensch gewesen. Als Einzelkind fühlt man sich manchmal wie in einer Petrischale, von neugierigen Blicken verfolgt. Wenn man in jungen Jahren Erfolg hat, ist es ähnlich. Ich war irgendwie erstarrt, eingefroren. Ich spürte, dass ich anderen Menschen gegenüber offener werden musste, dass ich mich meinen Ängsten und Unsicherheiten stellen musste. Wunderbarerweise habe ich in dieser Phase meine Freundin kennengelernt, sie hat mir sehr bei dieser Veränderung geholfen.

Heute träume ich davon, auf diesem Weg weiterzugehen. Ich bin ein glücklicher Mensch, das spüre ich von Tag zu Tag deutlicher. Und das ist mir sogar mehr wert als jede Musik. Ich würde meinem jüngeren Ich gerne sagen: Du musst keine Angst vor anderen Menschen und deren Urteil haben.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio.

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