Privatsphäre: Die Wanne wird voll

Erst vor 50 Jahren wurde aus dem Badezimmer ein privater Raum, in dem andere nichts zu suchen haben. Jetzt ändert sich das wieder – warum? Von
ZEITmagazin Nr. 42/2016

Margot Tenenbaum, gespielt von Gwyneth Paltrow, sitzt in dem Film The Royal Tenenbaums mit strengem Pagenkopf und schwarz umrandeten Augen in der Badewanne, raucht und schaut sehnsüchtig ins Nirgendwo oder in den kleinen Fernseher, den sie mit einem Seil an der Heizung festgebunden hat, damit er nicht ins Wasser fällt und sie umbringt. Ab und zu ein Klopfen an der Tür, das sie in ihrer Einsamkeit stören will. Draußen ist ihr viel zu alter Ehemann, der sie großväterlich zum Essen überreden will und vielleicht auch zur Liebe, aber nichts versteht, vor allem sie nicht. Deshalb sitzt sie hier, eingepuppt, in genau diesen Raum, wie in einen Kokon. Kommt nicht raus und lässt sich auch nichts entlocken. Ein fantastischeres Bild für das Bad als einen Ort voller Geheimnisse lässt sich kaum finden.

Das Bad ist der letzte Ort, an dem es noch Privatheit gibt. Eine Bastion des Ichs, wenn es draußen zu laut und zu kompliziert wird. Auch, weil es im Bad ganz verlässlich still ist und deshalb genug Raum für innere Unruhe und intimste Gedanken bleibt. Vier Wände, eine Tür, ein Schloss. Weiße Fließen, weißes Waschbecken, weiße Wanne. Meistens jedenfalls. Objektiv ist es kein gemütlicher Raum, und trotzdem sind diese 7,8 Quadratmeter – so groß ist das deutsche Bad im Durchschnitt – der beste Rückzugsort. Oft lässt sich kein anderes Zimmer der Wohnung abschließen, und sich einzuschließen wird nirgendwo so selbstverständlich toleriert wie hier.

Zumindest war das bisher so. Denn das Bad ist heute nicht mehr jenes verschwiegene Mauseloch, das es so lange war. Also der Ort, an dem wir heimlich unseren Körper erkunden und wieder in Ordnung bringen. An den wir uns zurückziehen, um ein bisschen zu heulen oder einfach durchzuatmen. Wie so vieles auf der Welt wird nun auch das Bad ins Rampenlicht gezogen. Komm, zeig dich! Das Bad soll sich öffnen, wie vor ein paar Jahren die Küche und das Wohnzimmer, die sich zur coolen Wohnküche vereinten.

Es soll sich dem Schlaf- oder Ankleidezimmer anschließen und endlich auch Teil einer großen Raum- und Lebenszone ohne Grenzen werden. Theoretisch eine gute Idee. Grenzen finden alle doof. Praktisch zieht sich niemand gern halböffentlich aus. Oder doch?

Wohnräume sind ein Spiegel gesellschaftlichen Lebens. Und dieses folgt heute der Vorgabe: Alles soll sichtbar sein. Auf Instagram, jener Internetplattform, auf der man sein Leben in Schnappschüssen festhalten und mit der Welt teilen kann, gibt es unter dem Hashtag #bathroomselfie etwa eine Million Fotos. Unter dem Hashtag #bathroom sind es 3,5 Millionen. Auf den meisten Aufnahmen sieht man nackte Körper, die sehr braun oder sehr trainiert sind. Man sieht auch sehr große Spiegel und sehr komische Spiegelblicke.

Instagram ist ziemlich toll, weil man am Leben der anderen teilhaben kann, ohne tatsächlich dabei sein zu müssen. Es ist aber auch ziemlich schrecklich, weil das festgehaltene Leben manchmal nur auf Instagram existiert und aus uns plötzlich Performance-Künstler werden, die beispielsweise im Badezimmer anfangen, ihr Sosein zu kuratieren.

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