Sascha Weidner: Stille Wasser

Der Fotograf Sascha Weidner ist viel zu jung gestorben. Wir zeigen das Beste aus seinem ungewöhnlichen Werk. Von
ZEITmagazin Nr. 42/2016

Durch das Wasser tauchen, irgendwo ankommen, sich spüren. Es geht um den Moment, seinen Moment, er, der Künstler, schaut in die Welt. Das war für Sascha Weidner die erste Phase: das Foto, das Erleben, das festgehalten wird. Phase zwei war das Bild an der Wand. Oder in einem Magazin. Auf einem Plakat. Im Internet. Dieses zweite Foto bekam einen Namen mit einer II dahinter. Damit war es freigegeben, seine eigene Reise anzutreten. Sascha Weidner sah sich selbst als "romantisch bewegten Reisenden", stets auf der Suche nach ebensolchen Bildern.

Diese radikale Subjektivität passte gut zu unserer Zeit der Verunsicherung. Dass jemand seinen Sehnsüchten so viel Raum gab, in dem Chaos so viel Schönheit sah, immer neue Wege fand, die Grenzen der Wahrnehmung auszuloten – das hat nicht nur mich fasziniert. Wir lernten uns kennen, als ich Fotografen für eine Ausstellung über Traummänner in den Hamburger Deichtorhallen suchte. Der Fotograf Ingo Taubhorn hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. So standen wir in Weidners Wohnung in der Torstraße über der Berliner Kultbar Muschi Obermaier, er rollte ein langes Foto aus, das halb nackte Männer in einem Pool zeigte. USA. Purer Körperkult. Doch die Bilder strahlten Zärtlichkeit aus. Bei Sascha Weidner war nichts vordergründig, plakativ, es ging immer um die Zwischentöne. Er bewegte sich wie ein Traumtänzer, fing mit seiner Kamera ohne Scheu gleichermaßen in Japan ein Waldstück ein, in dem sich Menschen umgebracht hatten, wie die Kirschblüte. Den frühen Tod seiner Eltern verarbeitete er mit einem Remix seiner eigenen Arbeiten und Bildern aus dem Familienalbum. Von seinen zahlreichen Aufenthaltsorten als Künstler schickte er per WhatsApp Eindrücke wie Postkarten: Sydney, Kyoto, zuletzt Peking. Die Bilder kamen durch die Zeitverschiebung meistens nachts, jedes war wie ein Lebenszeichen, ein berührendes Hallo: Schau, was ich sehe, schau, was ich erlebe.

Weidner setzte das Spiel aus Nähe und Distanz, aus Fragilität und Energie bedingungslos in seinen Arbeiten um. Dabei half ihm ein starkes Netzwerk: seine Professorin Dörte Eißfeldt, deren Meisterschüler er an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig war, und seine Düsseldorfer Galerie Conrads, die ihn von Anfang an begleitete. Und natürlich Florian Ebner, der heute die Fotografische Sammlung im Museum Folkwang leitet. Im Jahr 2009 gestaltete er mit Weidner in Braunschweig die großartige Schau Was übrig bleibt, bei dem jeder Besucher ein Bild mitnehmen durfte – sie wird im Dezember 2016 im Fotoforum Frankfurt wiederholt. Für eine Ausstellung in der Galerie C/O Berlin legte Weidner ein umgestürztes Auto auf die Eingangstreppe. In dem Buch Intermission II, das gerade bei Hatje Cantz erschienen ist, ist Verkehrsunfällen ein ganzes Kapitel gewidmet. Der Band, den er noch selbst konzipierte, ist ein Reigen durch Farbwelten. Es beginnt mit leisen Aufnahmen, wird zunehmend düster, melancholisch, bis am Ende Rauch aufsteigt.

Im April 2015 erlag Sascha Weidner 40-jährig einem Herzleiden, sehr überraschend, viel zu früh. Es ist ein Trost, dass das Sprengel Museum in Hannover seinen Nachlass verwaltet. Und dass die vielen Aufnahmen, die er gemacht hat, in stets anderen Konstellationen präsentiert werden können. Dann werden sie lebendig. Und schicken uns auf Reisen in immer neue Welten.

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