Schwimmunterricht Rettet das Seepferdchen!

Ein Grund für den Niedergang der Schwimmkultur ist, dass sich Kinder weniger bewegen. Man hat das oft gehört, nicht nur von Bildungspolitikern. Kinder sitzen zu oft und zu lange vor einem Bildschirm, und anstatt wenigstens zur Schule zu laufen oder mit dem Rad hinzufahren, werden viele von ihren Eltern mit dem Auto gebracht. Das Sportbecken, in dem sich in den Achtzigern noch Schwimmer mit schwarz-weißer Stoffbadekappe ertüchtigten, ist längst kein Sehnsuchtsort mehr für Grundschüler. Heute rutschen sie lieber quietschend durch die Plastikröhren der Spaßbäder, und unten, im flachen Becken, stehen die Eltern, um sie aufzufangen.

Die Zahl der Nichtschwimmer ist so hoch, dass der Verdacht naheliegt, dass auch einige von uns Freibadkindern von damals ihren Kindern heute das Schwimmen nicht mehr beibringen. Das hat neben vielen anderen Ursachen auch einen recht banalen Grund: Um ins Schwimmbad zu gehen, braucht man Zeit, und die haben wir nicht. Ich kam um eins aus der Schule, meine Mutter war zu Hause, der Nachmittag war frei. Meine Kinder sind bis 16 Uhr im Kindergarten beziehungsweise in der Schule. Und wenn wir dann Zeit haben, gibt es so viel, was wir machen wollen und müssen: Freunde treffen, lesen, kochen, Wäsche waschen, draußen spielen, Filme gucken, Steuererklärung schreiben.

Meine Tochter und ich haben trotzdem im Schwimmbad zusammen geübt, aber meist verloren wir nach einer Viertelstunde die Lust, und sie wollte lieber wieder mit Schwimmflügeln planschen. Offenbar habe ich es nicht richtig angestellt. Ich war dann sehr beruhigt, als mir eine Freundin, die selbst Schwimmlehrerin war, riet, meine Tochter lieber für einen Kurs anzumelden, sie selbst habe bei ihrer Tochter auch versagt.

Nur leider sind Schwimmkurse in vielen Teilen Deutschlands über Monate hinaus ausgebucht. Als ich bei der DLRG anrief, sagte man mir, meine Tochter müsse bis zu anderthalb Jahre warten. Auch die Kurse in den Berliner Schwimmbädern in unserem Umkreis – mit 140 Euro nicht gerade billig – sind Wochen im Voraus ausgebucht. In zwei Anläufen konnte ich zu Zeiten, die mit unserer Arbeit vereinbar sind, keinen Platz bekommen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass mit dem Schrumpfen der Mittelschicht auch die Schwimmkünste der Deutschen abnehmen. Die Bäder boomten, als die Mittelschicht wuchs, nun wird sie kleiner, und Schwimmbäder verschwinden. Die Städte schließen die Hallen- und Freibäder, weil ihnen der Unterhalt und die Renovierungen zu teuer geworden sind. In den vergangenen sieben Jahren sind in Deutschland 371 Bäder geschlossen worden, weitere 670 Bäder seien akut von der Schließung bedroht, sagt die DLRG. Dafür bauen private Investoren Spaßbäder, in denen der Eintritt für zwei Stunden 17 Euro kostet und die für Schwimmkurse nicht geeignet sind. In meinem Berliner Bezirk sieht das allerdings anders aus, dort gibt es noch viele Bäder, und auch in Erding, wo ich schwimmen lernte, gibt es immer noch ein Schwimmbad. Warum sind auch dort die Kurse überbucht?

Mein früherer Schwimmlehrer, Herr Rauscher, ist mittlerweile 70 Jahre alt, und er gibt noch immer Kurse: Jeden Nachmittag zwei, seit 55 Jahren ehrenamtlich für die Wasserwacht. Sein früher dunkler Kinnbart ist grau geworden. Im schönsten Bayerisch erzählt er, dass er jetzt manchmal Kinder in seinem Kurs hat, die noch nie im Wasser waren. "Die Eltern buchen irgendwann einen Badeurlaub, und dann sollen die Kinder ganz schnell schwimmen lernen", sagt Rauscher. Früher gab er manchmal 24 Kindergarten-Kurse pro Jahr, die halbe Stadt hat bei ihm Schwimmen gelernt. Die Kurse wurden von Jahr zu Jahr weniger, was auch daran liegt, dass die Ausbilder fehlen. "Für ein Ehrenamt ist es nicht so leicht, jemanden zu finden", sagt Rauscher.

Aber müsste nicht die Schule einspringen?, frage ich mich. Schwimmen ist schließlich Pflichtfach.

Es ist, wie ich als Mutter einer Erstklässlerin feststellten musste, ein altes und sehr emotionales Diskussionsthema: Worum soll sich die Schule kümmern, und was müssen wir Eltern selbst leisten? Viele denken, Schwimmen lernten die Kinder spätestens in der dritten Klasse. Ein Trugschluss, wie der Direktor unserer Schule beim ersten Elternabend vor der Einschulung offenbarte: "Bringen Sie Ihren Kindern das Schwimmen selbst bei! Wegen der vielen Bäderschließungen und -renovierungen fällt der Schwimmunterricht zu häufig aus!" Und selbst wenn der Unterricht stattfindet, sind die Bedingungen alles andere als ideal, wenn ein Lehrer vom Beckenrand aus 25 Schülern mit unterschiedlichsten Vorkenntnissen das Schwimmen beibringen soll. "Das funktioniert nicht", sagt auch mein alter Schwimmlehrer Walter Rauscher.

Ich habe den Rat des Direktors befolgt und mit meiner Tochter, trotz der anfänglichen Schwierigkeiten, den Sommer lang geübt. Den Durchbruch brachte die "Schwimmnudel". Meine Tochter erklärte mir, dass man dieses Ding aus Schaumstoff, das man sich unter den Bauch schieben kann, unbedingt zum Schwimmenlernen brauche. Seit drei Wochen kann sie nun im flachen Becken vier bis fünf Züge ohne Hilfe schwimmen. Und jetzt hat auch ihr Kurs in einer Schwimmschule in unserer Nähe begonnen. Nach neunmonatiger Wartezeit.

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